Sie machen Schlagzeilen, mehr denn je. Denn sie machen alles. Überall. Und jederzeit. Völkermord in Ruanda? - die "Ärzte ohne Grenzen" versorgen Verwundete. Französische Atomtests im Pazifik? - Greenpeace kreuzt vor Mururoa. Frauenelend in Bangladesch? - die einheimische Grameen Bank offeriert Hoffnung per Kleinkredit für über zwei Millionen Mütter und Töchter.

Sie, das sind die Nichtregierungsorganisationen, die Non-Governmental Organizations (NGOs). Der Begriff ist so hölzern wie unscharf. Gesagt ist damit nur, was die NGOs eben nicht sind: nicht Regierung, nicht Amtsstube, also nicht hoheitliche Gewalt. Sie sind privat, aber keine Geschäftemacher, nicht gewinnorientiert. Sie sitzen - per definitionem - zwischen den Stühlen, zwischen Markt und Staat, und nennen sich deshalb auch gern den "dritten Sektor", die "dritte Kraft".

Traditionell zählen zu ihnen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Weltkirchenrat, Veteranenclubs oder auch die Internationale Vereinigung der Bienenzüchter. Doch wer heute NGO sagt, meint meist ehrenamtliche Vereine oder professionelle Initiativen, die aus neuen sozialen Bewegungen erwachsen sind - etwa Robin Wood, amnesty international, terre des hommes. Wie viele dieser Gruppen auf der Welt agieren, weiß niemand. Die Uno schätzt etwa 50 000, mindestens. Das heißt auch: die NGO gibt es nicht. Nichts ist typisch, alle sind anders.

Aber die dritte Kraft zeigt Muskeln gegenüber Staat und Markt. Greenpeace hat in der Nordsee seine Schlacht um Brent Spar gegen den Ölmulti Shell gewonnen. Nun ist die chinesische Regierung nervös, weil 36 000 NGO-Aktivistinnen zur Weltfrauenkonferenz nach Peking reisen und - vielleicht - gegen die Unterdrückung in Tibet oder gegen Zwangsabtreibungen im Reich der Mitte demonstrieren.

Der Einfluß der Nichtregierungsorganisationen auf Märkte, Medien und Politik ist ihnen manchmal selbst nicht geheuer. So erklärt Alex de Waal, Kodirektor der NGO African Rights in London, die Landung amerikanischer Marines in Somalia Ende 1992 als Ergebnis eines publizistischen Feldzuges, gesteuert von Philip Johnston, dem Präsidenten der US-Hilfsorganisation Care: "Seine offizielle Begründung hieß denn auch nicht, daß eine Militäroperation Somalia, sondern das Hilfsprogramm von Care retten würde."

Doch mediale Spektakel wie Somalia, Brent Spar, Mururoa und Peking sind Ausnahmen. Der NGO-Alltag verlangt eher zähe Arbeit im stillen. Vor allem in der Entwicklungspolitik, seit drei Jahrzehnten das wichtigste Revier der zahllosen Hilfswerke und Gruppen. Diese Internationale der Solidarität erreicht nach Schätzungen von UNDP, dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, heute bereits 250 Millionen Menschen. Das wäre, immerhin, ein Fünftel jener 1,3 Milliarden, die derzeit weltweit in absoluter Armut leben, die ohne diese grenzenlose Karitas kein warmes Mittagessen im Kindergarten, keinen Barfußarzt, keinen Kleinkredit kennen würden. Lebensader dieser Entwicklung von unten ist ein Dollarstrom von Norden nach Süden, der Jahr für Jahr anschwillt. Waren es vor zwanzig Jahren nur etwa zwei Milliarden Dollar, die von Misereor, Oxfam und anderen der inzwischen fast 3000 Nord-NGOs an ihre Partner im Süden überwiesen wurden, so dürften es inzwischen jährlich laut OECD neun bis zehn Milliarden sein. Zwei von drei Dollar kommen aus Straßensammlungen und Spendenkampagnen, ein Drittel aus den Etats der Regierungen der Industrieländer, die jedes Jahr einen größeren Batzen ihrer Entwicklungshilfe über Kirchen, Nothelfer und Dritte-Welt-Vereine nach Asien, Afrika und Lateinamerika schleusen. Die Bundesrepublik liegt da im Trend: Wenigstens 1,4 Milliarden Mark trugen deutsche Entwicklungs-NGOs 1993 selbst zusammen, 800 Millionen Mark legte Carl-Dieter Spranger, der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, als Zuschuß obendrauf. Immerhin fast 10 Prozent seines Budgets.

Neun bis zehn Milliarden Dollar weltweit - das sind zwar nur 2,5 Prozent des gesamten Kapitals, das jährlich von Nord nach Süd fließt. Ein Rinnsal im Vergleich zur Wallstreet, einerseits. Andererseits, konstatiert anerkennend John Clarke, ein Mitarbeiter der mächtigen Weltbank in Washington, transferieren die NGOs aus dem Norden damit netto - also nach Abzug von Zins und Tilgung - "mehr Ressourcen in die Länder des Südens als die Weltbank".