Der Bundespräsident hat in Berlin zum Gartenfest eingeladen, und es regnet.Das Kammerorchester der Bundeswehr spielt Beethoven im Park, aber die Gäste fliehen ins Schloß Bellevue.Eine Frau aus dem Volke schenkt Christiane Herzog selbstgemachtes Holundergelee, und Frau Herzog schenkt ihr den Charme einer professionellen Gastgeberin. Tapfer macht das Präsidentenpaar die Honneurs.Sie schüttelt fremde Hände, er unterschreibt in einem Bilderbuch, und beide bekommen eine Flasche Rotwein.Da lotst ein Mittdreißiger im grauen Anzug ein blondes Mädchen durch die Menge.Als die beiden bei Christiane Herzog ankommen, strahlt die Gastgeberin übers ganze Gesicht und drückt das Mädchen an sich. Das Mädchen heißt Magdalena Brzeska, ist siebzehn Jahre alt und achtzehnfache Deutsche Meisterin in der Rhythmischen Sportgymnastik.Die Titel reichen freilich nicht aus, um Christiane Herzog "Tante Christel" nennen zu dürfen.Dieses Privileg verdankt Magdalena Brzeska dem Mann im grauen Anzug: Klaus Kärcher, ihrem Manager. Klaus Kärcher hat das Mädchen aus der Randsportart vergangenes Jahr mit einem Schlag zum Star gemacht.Er besorgte ihr einen Vertrag mit einem Sponsor, mit dem sie in drei Jahren 1,5 Millionen Mark verdienen kann.Bei Tennis- oder Fußballprofis ist man solche Summen gewöhnt, nicht aber bei einer Schülerin aus einer exotischen Sportdisziplin, die in der Gunst des Fernsehens kaum höher steht als das Synchronschwimmen. Deutschlands Sportjournalisten starrten erstaunt auf diese runde Summe.Mit den anderthalb Millionen kam Magdalena Brzeska zugleich in den Genuß des Heiligenscheins der Erfolgsgesellschaft.Wer so viel Geld verdient, an dem muß mehr dran sein als an den anderen Gymnastinnen mit ihren Keulen, Bällen und Bändern.Schnell bekam das Mädchen aus Fellbach bei Stuttgart mehr Einladungen zu Talk-Shows als ihre Schulkameradinnen zu Geburtstagspartys. Klaus Kärcher, der Manager, hat mit der Vermarktung der Magdalena Brzeska den großen Coup gelandet.Der 37jährige, Sohn eines Architekten, war bis dahin eher locker durchs Leben gegangen.Abgebrochenes Studium der Tiermedizin, freier Photograph mit dem Spezialgebiet "Randsportarten" - "weil du im Tennis und Fußball sowieso nicht mehr reinkommst".Im Leistungszentrum der Gymnastinnen, 200 Meter vor seiner Haustür in Fellbach, lernte er vor fünf Jahren Magdalena Brzeska kennen.Bei allen möglichen Fir men von Bluna bis Mercedes preist er sie nun an. "Der Kärcher ist ein Überzeugungstäter", sagt Kärcher von sich selber.Er bewegt sich gern in Kreisen von Prominenten, redet offener, als die Regeln des Small talk erlauben.Im ganzen Leben habe er erst zwei Bücher zu Ende gelesen, und von einem weiß er den Titel nicht mehr.Seine kühne Idee, die Gymnastin Brzeska zu vermarkten, nahm erst Formen an, als seine Frau ein Marketingkonzept entwickelte.Ute Kärcher hat für eine Sportmarketingagentur gearbeitet. Drei Faktoren, sagt Klaus Kärcher, machten den Star aus: die Medienpräsenz, der sportliche Erfolg und die Persönlichkeit.Da Magdalena Brzeska mit ihrer Randsportart selten in den Medien erscheint und ihre deutschen Meistertitel international wenig bedeuten, muß es in ihrem Falle die Person gewesen sein."Wenn Magdalena Tennisspielerin wäre und Anke Huber Gymnastin", sagt Kärcher, "dann wäre Magdalena ein Megastar, und Anke Huber müßte sich ihre Milchschnitte selber kaufen." Auch dem Sponsor hat es offensichtlich die Person angetan.Im Schloß Bellevue steht er zwischen der Gymnastin und Frau Herzog und strahlt: Georgios Eleftheriadis, 33, schwäbischer Grieche, Immobilienkaufmann in Stuttgart."Die Magda hat Charisma", sagt er."Und einen wahnsinnigen Biß."Das letzte Wort spricht er mit einem superscharfen S, ballt dazu die Faust, und die dynamische Geste macht deutlich, was den Unternehmer und die Leistungssportlerin verbindet. Ursprünglich wollte Ferrarifahrer Eleftheriadis einen Motorsportler fördern.Aber Kärcher überzeugte ihn, daß er Imagewerbung brauche, um den Hautgout des Baulöwen loszuwerden.Und daß dazu das ästhetische Bild einer Gymnastin zweckdienlicher sei.Der Vertrag mit der Brzeska hat Eleftheriadis' Firmen eine Aufmerksamkeit beschert, "die uns in konventioneller Werbung mindestens sieben Millionen im Jahr kosten würde".Einen Auftritt im ZDF-"Sport-Studio" hätte der Bauunternehmer ohne diesen Vertrag a uch nie bekommen.Als er sich später vom Parkett des Bundespräsidenten verabschiedet, sonnt sich der Sponsor mit Bussi links, Bussi rechts im Glanz seines blonden Stars. Klaus Kärcher hat schon vielen Journalisten erzählt, wie das war, als er die zwölfjährige Magdalena zum ersten Mal in der Turnhalle sah: "Sie ist mir gleich aufgefallen, weil sie so ein brutal hübsches Gesicht hatte."Doch der Blick muß damals auch auf andere Körperteile gefallen sein."Sie war nicht so dünn wie all die anderen", sagt der Manager und meint: Sie hat im Gegensatz zu den anderen spindeldürren Turnkindern wenigstens ein bißchen Busen.Den präsentierte sie zum Deutschen Turnfest im vergangenen Jahr als Titelgirl einer Hamburger Zeitung - im knallroten Kleid, den Oberkörper vorgebeugt, mit tiefem Dekolleté.Das Photo lieferte Kärchers Agentur. Ehe man ihn für einen Zyniker hält, der seinen Star auf den Fleischmarkt schickt, sagt er: "Solche Photos stellen doch nur für diejenigen eine Grauzone dar, die eine Grauzone im Kopf haben."Daß solche Photos der Vermarktung nicht abträglich sind, darf man gleichwohl unterstellen. Wie Klaus Kärcher um Magdalena Brzeska kümmert sich der Manager Werner Köster in Hamburg um eine andere ansehnliche junge Dame, die Schwimmerin Franziska van Almsick.Köster war sechs Jahre lang Sportressortleiter der Bild-Zeitung, seine journalistische Erfahrung kommt jetzt der Schwimmerin zugute."Medienberatung" sieht er als seine wichtigste Managementaufgabe."Bei Werbeverträgen kann ich höchstens um 100 000 Mark zu früh ja sagen, aber das ändert nichts an der Großwett erlage", sagt Köster, "aber wenn ich nicht die Chuzpe habe, bei Journalisten nein zu sagen, geht Franziska ein wie eine Primel." Sechs Wochen vor den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 riefen an einem Tag Stern und Spiegel bei van Almsicks an.Da dämmerte es der Familie in Ostberlin in ihrem bis dahin normalen Alltag, daß ihre schwimmende Tochter einen Betreuer über den Beckenrand hinaus brauche.Sie verpflichtete Köster, und der hat seit den olympischen Erfolgen seines Schützlings ein ganz anderes Problem als Kollege Kärcher: Er muß seinen Star nicht schaffen, er muß ihn angesichts des öffentlichen Interesses ra r machen.Einladungen zu Talk-Shows nimmt er nur noch an, wenn Franziska van Almsick ohnehin am Ort ist.Zeit ist kostbar. Köster wie Kärcher jonglieren geschickt mit den Regeln der Öffentlichkeitsarbeit.Beide wissen, daß Geheimniskrämerei ihren Schützlingen schadet.Köster sagt offen, daß er an den Verträgen van Almsicks mit 25 Prozent Provision beteiligt ist (Kärcher nimmt 30 Prozent).Das psychologische Problem bei alledem sehen die Herren Manager durchaus: Ihre Teenie-Stars sind mit sechzehn schon ganz oben, werden hofiert, sollen aber nicht abhängig werden von der Droge Öffentlichkeit."Ein Physiker, der mit s echzig den Nobelpreis bekommt, hat dieses Problem nicht", sagt Köster.Gibt aber nicht gerade der Manager den Anschub zum Abheben?Bei der Frage verläßt den 49jährigen seine sauerländische Ruhe: "Dann müßten ja alle Sportler am Rande des Existenzmini mums leben."Nein, er als Manager könne nichts für die Fährnisse, denen eine junge Person des öffentlichen Lebens ausgesetzt ist."Ich bin doch nur der Platzwart, der die Linien zieht, damit gespielt werden kann." Auch Klaus Kärcher stellt lieber die Vorteile seiner Betreuung heraus.Woher soll eine Siebzehnjährige auch unterscheiden können, wer sie uneigennützig zu einer Party einlädt und wer mit seiner Einladung lediglich den Star zum Nulltarif auf eine PR-Veranstaltung lockt?Und daß Klaus Kärcher seine Athletin verheize, kann man ihm wirklich nicht vorwerfen: Der Sponsorenvertrag setzt sie nicht unter zusätzlichen Druck.Sie kriegt ihr Geld, selbst wenn sie sich bei den Weltmeisterschaften im S eptember nicht für Olympia 1996 qualifizieren sollte.Ob nun 1,5 Millionen Mark oder gar noch mehr und wie diese Summe sich zusammensetzt, darüber mag Kärcher nicht öffentlich reden.Der 1,5-Millionen-Deal war sein Coup, aber jetzt "muß diese Zahl wieder vom Tisch, die weckt nur Neid".Und außerdem sei die Magda doch absolut normal geblieben, sagt er wiederholt und gern. Doch normal leben kann die Siebzehnjährige nicht mehr.Vergangenes Jahr heuerte der Manager für die Gymnastin einen Bodyguard an, weil sie Drohbriefe bekam.Nach den merkwürdigen Gesetzen des Geschäfts wurde der Leibwächter für sie sogar zu einer Art Gütesiegel: Wer einen eigenen Bodyguard braucht, und schon gar bei einem friedlichen Turnfest, der hat es nun einmal geschafft. Magdalena Brzeska hat ihre Rolle inzwischen auch fast verinnerlicht.Beinahe enttäuscht gibt sie sich, daß nur ein Zeitungsreporter mit Block und Kuli vor ihr steht.Fernsehkamera und gleißende Scheinwerfer würden mehr Spaß machen.Dabei stellen sich viele Zeitungsleute willig in den Dienst des Gespanns Kärcher/Brzeska.Gehört doch der Hochleistungssport längst zum Showgeschäft.Da lernt etwa ein amerikanischer Musiker, von dem allenfalls Intimkenner der Popszene schon gehört haben, Magdalena Brz eska im Tennisklub ihres Managers kennen, er schreibt einen Song, nennt ihn "Magdalena", und aufs Cover der CD kommt ein Photo von ihr.Magda hat nicht einen Ton gesungen, aber in der Zeitung steht eine Schlagzeile: "Schöne Magda wird Pop-Star". "Mit Magda habe ich mein Klassenziel erreicht", sagt Klaus Kärcher denn auch fröhlich.Finanziell hat die Gymnastin mit siebzehn ausgesorgt."Wenn sie so weitermarschiert, hat sie mit zwanzig drei Millionen auf dem Konto." Und die "gesellschaftliche Plazierung", wie der Manager das nennt, ist auch geglückt.Das lief, so Kärcher, über die "Muko-Sache".Präsidentengattin Christiane Herzog ist Vorsitzende der Mukoviszidose-Hilfe, die sich um Kinder mit dieser unheilbaren Stoffwechselkrankheit kümmert.Seit einem dreiviertel Jahr darf Magdalena Brzeska sich Mukoviszidose-Botschafterin nennen. Manager Kärcher hat dem wohltätigen Verein zu einer Emblemfigur verholfen, Sponsor Eleftheriadis hat quadratmetergroße Schecks überreicht.Zum Dank sind die beiden Männer und ihr Star an diesem Sonntag ins Schloß Bellevue zum Gartenfest eingeladen.Das Ereignis verhilft dem Brzeska-Clan zur gesellschaftlichen Weihe, der schöne Star wirft seinen Glanz auf die Partygesellschaft, und alle sind wunderbar wohltätig.