Andreas Bernstorff wird sich bald nach einer neuen Aufgabe umsehen müssen. Jahrelang verfolgte der Kampagnenleiter von Greenpeace die Spuren des Giftmülls, der aus Industriestaaten in arme Länder verschoben wurde. 1992 zwang die Organisation den damaligen Umweltminister Klaus Töpfer durch öffentlichen Druck, 480 Tonnen alter deutscher Pestizide aus Albanien zurückzuholen, die dort gerade in der Landschaft versickerten.

Solche schönen Siege wird es bald nicht mehr geben - und das ist Bernstorffs grösster Erfolg. Die skandalträchtigen Zeiten gehen zu Ende, in denen Müll, der hierzulande schwierig zu beseitigen war, in Entwicklungsländer verfrachtet wurde. Dort konnte er zwar erst recht nicht sicher entsorgt werden, aber das kümmerte die Verantwortlichen lange Zeit wenig. Wieviel in den Hochzeiten des Geschäfts ausser Landes geschafft wurde, weiss niemand. Doch 1993 war die Menge bereits auf 100 000 Tonnen zurückgegangen, ein Jahr später hatte sie sich weiter halbiert. Die Zahlen stammen vom Münchener Institut Ecotec, das im Auftrag der Bundesregierung Behördenunterlagen sichtete und vertrauliche Informationen bei Industrieverbänden einholte.

Die Umweltpolitiker erzielten den Erfolg, indem sie taten, was sie am besten können: Sie erliessen komplizierte Vorschriften. Wer gefährliche Stoffe ins Ausland schaffen will, muss dies dank der Abfallverbringungsverordnung der EU nun bei seinem Regierungspräsidium anmelden, dazu alle möglichen Unterlagen beibringen und Geld hinterlegen. "Das schreckt natürlich", sagt Ecotec-Forscher Reinhard Joas. Ausserdem wurden die Kontrollen verschärft, und für gesetzwidrige Transporte drohen bis zu zehn Jahre Haft. Deshalb weichen auch zwielichtige Müllhändler nicht verstärkt in die Illegalität aus, versichert Bernstorff, dem dies dank weltweiter Kontakte kaum verborgen bliebe.

Wahrscheinlich werden Giftexporte in Länder, die nicht zu den reichen OECD-Staaten gehören, bald ganz verboten. Die internationale Baseler Konvention setzt Abfallexporte in Nicht-OECD-Länder jetzt schon auf den Index, doch noch können die Vorschriften leicht umgangen werden: Die Händler müssen nur behaupten, mit der gefährlichen Fracht solle etwas Nützliches gemacht werden. Nicht nur Umweltaktivist Bernstorff will nun "die Baselkiste zunageln". Auch die EU-Mitglieder werden bei der im September bevorstehenden Nachfolgekonferenz in Genf wohl für ein Verbot ohne Schlupflöcher stimmen.

Deutschland kann dabei problemlos mitmachen. Früheren Katastrophenmeldungen zum Trotz gibt es genügend Beseitigungskapazitäten. "Vom Müllnotstand kann im Bereich der Sonderabfallentsorgung schon lange nicht mehr gesprochen werden", stellt Leo Pasch von Trienekens Entsorgung fest. Die Branche jammert bereits über nicht ausgelastete Anlagen, bei einigen wird nur ein Drittel der Kapazität genutzt. 1990 fielen in Deutschland noch zehn Millionen Tonnen Sonderabfall an. Nun sind es wesentlich weniger, wie Länderstatistiken zeigen. Aktuelle bundesweite Zahlen fehlen.

Der Sonderabfall hat sich teilweise in Luft aufgelöst, seit die Entsorgung dank strengerer Vorschriften immer teurer wurde. Oft sorgen simple Verbesserungen in Betrieben dafür, dass Giftmüll erst gar nicht mehr entsteht. Einen Hersteller von Steinformen beispielsweise störte es früher nicht, dass aus löchrigen Hydraulik-Leitungen im Boden Öl auslief und sich dort mit Wasser vermengte. Das entstehende Gemisch konnte billig entsorgt werden. Als dieser Frevel immer mehr ins Geld ging, "haben sie einfach den Boden aufgerissen, repariert und fertig", berichtet der Müllexperte Christoph Ewen vom Öko-Institut, der die Firma inspizierte.

In Lackieranlagen lassen sich neunzig Prozent des Sonderabfalls vermeiden. Beispiel EBM im schwäbischen Mulfingen: Wie in der Branche üblich, landet auch bei dieser Firma der grösste Teil der Farbe nicht auf den dort gefertigten Ventilatoren, sondern wird vorbeigesprüht. Früher liess das Unternehmen diesen overspray entsorgen, jetzt kommt er zu einer Spezialfirma. Die produziert daraus neuen Lack und schickt ihn an EBM zurück. "Der Lackschlamm fällt als Sondermüll total weg", freut sich Werksleiter Kurt Hierl. Obendrein ist der Recyclinglack billiger als neuer. Die notwendigen neuen Anlagen machten sich innerhalb eines Jahres bezahlt.