Abschied

Erinnerung an sich ist noch kein Heilmittel. Jeder, der sich rächen will, erinnert sich an Verletzungen, die er auf diese Weise vergelten will. Rache oder Versöhnung? Die Art und Weise, wie Erinnerung verarbeitet wird, entscheidet darüber, ob Erinnerung zu neuer Zerstörung führt oder vom Zwang zur Wiederholung befreit. Erst wenn die Trauer über den Haß, der Wunsch nach Aussöhnung über den nach Rache siegt, kann Erinnerung heilen.

Sophie will die "falsche Ehe" ihrer Eltern durch die "wahre Ehe", die sie mit Ezra Blind schließt, wieder ungeschehen machen. "Ohne daß es ein einziges Kosewort oder irgendeine Form von Intimität zwischen ihnen gegeben hätte", vertraut sich Sophie dem unbekannten Mann an, der ihr doch irgendwie bekannt vorkommt: Wie der Vater, der alle Fragen, die er der Tochter stellte, beantworten konnte, ohne auf das Kind zu hören, so kennt auch Ezra, der "junge Rabbi aus Wien", seine künftige Frau viel besser als sie sich selbst. Die Hochzeitsnacht erlebt sie wie eine Hinrichtung, wie eine Gruppenvergewaltigung, wie das Jüngste Gericht. Wenn er mit ihr im Bett liegt, erzählt er ihr von seinen Abenteuern mit anderen Frauen. So begreift sie, was es heißt, eine Frau zu sein: "Er erzählte ihr, was andere Frauen aus Verzweiflung täten, wie tief sie sinken, in welche Abgründe von Obszönität und Perversion; wie gern sie sich demütigen, herabwürdigen ließen, darum bettelten, daß man sie zertrample."

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Irgendwann hat Sophie die Lektion gelernt, begreift sie, was sie Ezras Wunsch gemäß sei soll: "ein Loch, ein Nichts, ein Negativum". Als sie Ezra nach fünfzehn Ehejahren und drei Kindern endlich doch verläßt, staunt sie über dessen Reaktionen: Er heult wie ein Kind. Ein erwachsener Mann, ein bekannter Wissenschaftler, windet sich in Weinkrämpfen. Warum? Er verliert doch "Nichts"! Aber auch Sophie wird von den Folgen überrascht, die sich nach der Scheidung bei ihr einstellen: Fünfzehn qualvolle Jahre lösen sich auf, als hätte es sie nie gegeben. Plötzlich fehlt ein ganzes Stück ihres Lebens. Es kommt ihr so vor, "als ob man den mittleren Teil eines Knochens herausgeschnitten und die beiden Endstücke aneinandergefügt habe. Hin und wieder macht ihr das Sorgen - wird die Nahtstelle halten?"

Sie hält nicht. Die Bruchstücke der Biographie verselbständigen sich. Sophie wird von Phantasien, Träumen, Halluzinationen heimgesucht. Sie flüchtet sich auf diese Inseln im Meer eines zerbrochenen Lebens. Sie schwimmt von einer Insel zur anderen, bis die Kräfte schwinden, bis der Wunsch, im Meer des Vergessens zu versinken, stärker wird als die Kraft, den Tod durch Schreiben zu vertreiben: "Wie angenehm, hier in meiner Unterwasserbucht herumzuschwimmen. Wollte schon immer eine Meerjungfrau sein. Den Toten werden ihre Wünsche erfüllt . . . Ezra? Würde mich sehr wundern. Bis ans Ende der Welt, aber nicht bis auf den Meeresgrund" kann er sie verfolgen. Hier endlich - ist sie vor ihm sicher. Nicht aber vor sich selbst. Nein, an ihrer Ehe ist Sophie nicht zerbrochen! Die Welt, die sie liebte, der Mensch, der sie war - sie waren schon längst versunken, noch bevor sie Ezra in New York traf. Diese Ehe war nur ein letzter Versuch, die Einheit der Welt und der Person wiederzugewinnen. Ein verzweifelter, zum Scheitern verurteilter Versuch.

Da war einmal eine Welt mit "Wiesen, Bäumen und ihrem Himmel", "die einzige Welt, die es gab". Es war eine schöne Kinderwelt, die sie vor dem Schrecken in Sicherheit gebracht hatte, den die Ehe der Eltern für sie bedeutete. Sophie erinnert sich: "Der Tag, an dem alles anders wurde, war so, als stieße er jemand anderem zu, einem anderen Kind." Die Eltern lassen sich scheiden. Die Tochter geht mit dem Vater in eine neue Welt, nach Amerika. Doch das Kind wird nie in dieser neuen Welt ankommen. Und deshalb kann es auch nicht mehr in die alte Heimat, nach Budapest, zurückkehren: "Das Kind konnte das nicht, da es niemals fortgegangen war." Es gibt kein Vorwärts, es gibt kein Zurück mehr. Seit dem Verlust der Heimat ist Sophies Person gespalten. Als Kind lebt sie weiter in einer heilen Welt, die es so nur in ihrer Phantasie gab. Und in der neuen Welt wird sie als "Phantom der Mutter" wiedergeboren, hilft sie dem Vater, den Schmerz der Trennung von der Ehefrau zu ignorieren. Der Vater hat nichts verloren - hat er doch die Tochter, also die Mutter, noch immer. Der Vater ist ein Ignorant. Und die Mutter? Auch sie ignoriert die Tochter, erkennt in ihr nur eine Stellvertreterin des Vaters, "ein unnatürliches Kind". "Schon als Säugling hast du mich weggestoßen. Alle Kinder sind Egoisten, aber es ist unnatürlich, wenn ein Kind seine Mutter nicht liebt." Die Vorwürfe der Mutter führen noch bei der erwachsenen Tochter zu Konvulsionen. "Sophie fühlte, wie sie sich unter der Heftigkeit dieser Empfindung auflöste. Es blieb von ihr nur der schematische Umriß und das schmerzhafte Bewußtsein des Kindes im Raum als eine andere Figur, eine unbeschriebene Masse, eine leere Kontur" - ein Loch, ein Nichts, ein Negativum. Es ist also die Lektion der Mutter, die der Ehemann später nur zu wiederholen braucht, um Sophie endgültig von ihrer Nichtswürdigkeit zu überzeugen.

Der Roman spielt im 20. Jahrhundert - also beschreibt er nicht nur individuelle, sondern auch allgemeine Verluste. Sophie stammt aus einer alten jüdischen Familie. "Die Erfahrungen, die die Großeltern und all die ihnen vorausgegangenen Generationen in ihrer Jugend gemacht hatten . . ., die ihrem Leben Weihe, Geheimnis und Sinn verliehen hatten, waren unwiderruflich im Namen von Fortschritt, Vernunft und Aufklärung überholt und für ungültig erklärt worden." Hinzu kommt die im faschistischen Europa in den 30er Jahren drohende Vernichtung der Juden als "Rasse". Der Vater flieht deshalb mit der Tochter in eine neue, vermeintlich bessere Welt. Doch auch diese Welt hält für Sophie keine Zukunft bereit. Die Welt, "in der sie hätte leben wollen, gab es seit Hiroshima, seit Auschwitz nicht mehr".

Sophie - das ist die Autorin selbst: Susan Taubes, die Tochter eines bekannten Psychoanalytikers, die an der Columbia University Religionsgeschichte lehrte. In ihrer tragischen, als "Roman" bezeichneten Autobiographie schildert sie die Ehe mit dem Religionsphilosophen Jacob Taubes, dessen einziges Buch (Abendländische Eschatologie, 1991) im selben Verlag erschienen ist, der nun auch ihr erstmals 1969 in den USA veröffentlichtes literarisches Testament in einer guten deutschen Übersetzung herausgebracht hat. Eine Woche nach Erscheinen der Erstpublikation hatte man den Körper der Susan Taubes aus dem Atlantik geborgen. Sie war - wie im "Roman" angekündigt - zum "Meeresgrund" geflüchtet, um sich vor ihren Erinnerungen in Sicherheit zu bringen.

Susan Taubes:

Scheiden tut weh

Roman; aus dem Amerikanischen von Nadine Miller; Matthes & Seitz Verlag, München 1995, 359 S., 49,80 DM

 
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