Keiner konnte zeichnen wie Horst Janssen. Nicht einmal Horst Janssen selbst. Das war der Ursprung seiner Kunst. Er konnte zeichnen wie Hokusai, Kyosai und Utamaro, wie Caravaggio, Chardin und Salvator Rosa, wie Georges de la Tour und Aert van der Neer, wie Füssli, Goya oder Ensor, und Garvarni und Klinger, seine Lieblinge, übertraf er allemal.

Max Ernst sagte einmal, sich nie selbst gefunden zu haben sei sein größtes Glück. Für Horst Janssen war es das größte Unglück. Allerdings eines, das ihn in geradezu masochistischer Manie fruchtbar machte. Er hat sich ein Leben lang selbst gesucht. Aber immer kam er von dem Wege ab, ließ sich zu immer neuen Umwegen verführen - als fürchtete er, ans Ziel zu kommen.

Wann immer er zeichnete (und er meinte nur zu leben, wenn er zeichnete), kam ihm die Erinnerung an hundert bewunderte Vorbilder dazwischen (und er hat viel bewundert und sich sehr genau erinnert). All die Meister standen hinter ihm und blickten ihm über die Schulter - und er wollte sie nicht enttäuschen. Er wollte ihnen zeigen, daß er es konnte wie sie - und vielleicht besser.

"Nie sitzen wir allein vor dem Objekt", schrieb er in seinem Text "Über das Zeichnen nach der Natur", "die ganze Gesellschaft längst verstorbener Zeichner sitzt dir im Nacken. Wünschst du dir größere Distanz zum Motiv, gerätst du unter die Toten . . ."

Diesem Druck der Tradition zu entgehen, wandte er sich um. Statt weiter nur die Natur zu studieren, wollte er den Meistern direkt ins Gesicht sehen. Sie, die ihn so bedrängten, gleichsam bei den Hörnern packen. So kam Janssen zur Kopie.

Die Kopie genießt heute keinen großen Respekt. Zu Unrecht. In Wahrheit ist sie auch in unserem Jahrhundert noch immer eine besondere Herausforderung. Keiner hat das genauer gesehen als Picasso, der keine Gelegenheit ausließ, sich an der Kunstgeschichte zu messen. Er sagte über das Kopieren: "Was soll das eigentlich heißen, daß einer einen anderen imitiert? Was ist da Arges dabei? Es ist im Gegenteil gut, und man muß immer versuchen, einen anderen nachzuahmen. Übrigens stellt sich dann heraus, daß man es nicht kann. Und in dem Augenblick, wo man alles verpatzt hat, da gerade ist man man selbst."

Horst Janssens Unglück war, daß er nichts verpatzt hat. Das ist der Punkt. Es ging ihm alles leicht von der Hand. Er konnte alles, was er anfaßte. Schon früh war er ein Meister. Doch was ihm auch gelang, es war ihm nicht genug. So wurde er ein Meister im Erfinden von Hindernissen, im Ersinnen von Abschweifungen. Er dachte und zeichnete um sieben Ecken und Kurven, entzog sich dem Zugriff und der Einordnung in immer neuen Wendungen und Pirouetten. Aus lauter Abschweifungen entstand sein Werk. Oft hatte die Abschweifung keinen anderen Sinn als das, was er in der Gegenwart verloren wähnte, das Handwerk, zu exponieren - das Handwerk des Zeichners, Radierers, Aquarellisten. Er beherrschte es wie kein anderer. Diese Sicherheit verführte ihn immer wieder dazu, seine Mittel um ihrer selbst vorzuführen, eine Kür aus Artistik, Virtuosentum und Perfektion zu absolvieren.