Rodeo auf isländisch
Wenn ein Mensch Zufriedenheit ausstrahlen kann, dann Jón Gardasson. Der hochgewachsene, fast hagere Mann steht auf einer Wiese, umringt von Menschen und Pferden, schüttelt Hände, nickt diesen und jenen Bekannten zu. Die Nachmittagssonne hüllt das Hjaltadalur, ein Tal im Norden Islands, in warmes Licht und läßt Jón Gardasson noch ein wenig freudiger erscheinen. Dieser Sonnabend ist wieder sein Tag, der Tag des Fjallköngur. So nennen ihn die Einheimischen; denn Jón Gardasson ist der "Bergkönig".
Insignien sind mit diesem Titel nicht verbunden, vielmehr Respekt und Anerkennung. Die Tradition will es, daß die Bauern in dieser Region einen Bergkönig aus ihren Reihen bestimmen. Ausgewählt werden angesehene Bauern - wie zum Beispiel Jón Gardasson, einer der Großen in der Pferdezucht. Seine wichtigste Aufgabe kommt an einem Sonnabend im Herbst auf ihn zu: Am ersten Oktoberwochenende, wozu in diesem Jahr ausnahmsweise schon der 30. September zählt, ziehen die Bauern aus der Gegend um Saudárkrókur ins Hjaltadalur, um die freilebenden Islandpferde von den Highlands zum Sammelpunkt Laufskalarett zusammenzutreiben.
Als Bergkönig ist Jón Gardasson der große Organisator des Pferdeabtriebs, verantwortlich für einen reibungslosen Ablauf. Falls andere Bauern aus der Region meinen, sie könnten seine Arbeit besser machen, müssen sie sich zur Wahl stellen. In einer demokratischen Abstimmung wird dann entweder ein neuer Fjallköngur gewählt oder der alte bestätigt.
Längst hat sich das Round-up, wie der Pferdeabtrieb in modernem Isländisch heißt, zu einem Volksfest ausgeweitet. Wenn zwischen Mitte September und Mitte Oktober die verschiedenen Regionen jeweils ihren Pferdeabtrieb veranstalten, strömen die Menschen aus dem Umland in Massen zu den Sammelpunkten. Einige der Zuschauer haben einen langen Weg hinter sich. Sie sind von der Hauptstadt Reykjavik aus 300 Kilometer über die Ringstraße an der Küste entlang gefahren, um das Spektakel hautnah zu erleben.
Anfang Oktober wird es in den Bergen schon empfindlich kalt, oft fällt bereits Schnee. Die jungen Pferde haben nur etwa zweieinhalb Monate Zeit, sich in der schier unendlichen Weite auszutoben, denn ins Hochland werden sie von den Bauern erst Mitte Juli hinaufgetrieben. Warum nicht früher? "Weil die Pferde sonst das noch junge Gras der Berge abfressen und es dadurch vielleicht zerstören würden", erklärt Magnús Sveinsson, ein Zureiter von Islandpferden.
Der Tag hatte früh begonnen in der Provinz Saudárkrókur. Auf dem Hof von Jón Gardasson sind etwa zwanzig Männer, Frauen und Kinder bei den Ställen versammelt. Der Nebel, der durch die Bucht von Skagafjördur wie ein dichter, weißer Keil ins Landesinnere treibt, lastet auf dem Gehöft. Um sieben Uhr morgens läßt der dichte Schleier die Sonne nur als einen milchig-weißen Ball am Himmel erscheinen. Am Boden ist das Gras von schwerem Tau getränkt.
Warten auf den Bergkönig. Als er mit vier Islandpferden am Zügel aus dem Stall kommt, sieht er alles andere als monarchisch aus: ausgelatschte Turnschuhe, eine dreckige Jeans, ein knallblauer Pullover unter einer dunkelblauen Regenjacke mit orange Futter, auf dem Kopf eine beigefarbene Schlägermütze. Er weist einigen der Wartenden die Pferde zu. Der Geruch vom Leder und Schweiß der Sättel dringt in die Nase, das Zaumzeug klirrt. Als die ersten Sonnenstrahlen durch den Nebel kommen, haben alle Reiter aufgesattelt. Neben Familienmitgliedern und Einheimischen helfen Gäste, auch aus dem Ausland, die Pferde von den Bergen zu treiben. Das Erlebnis dieses ursprünglichen Abenteuers lassen sie sich bis zu 500 Mark kosten.
- Datum 08.09.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 37/1995
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