Film "Das Licht der Ilusionen" Der Zirkus muß sterben

Der japanische Film "Maborosi no hikari" von Hirokazu Koreeda erzählt eine Geschichte, in der man die Dinge der Welt in anderer Reihenfolge sieht.

Ein japanischer Film, "Maborosi no hikari" von Hirokazu Koreeda, erzählt von einer Hochzeitsfeier. Yumiko, die Braut, hat ihren ersten Mann auf tragische Weise verloren; jetzt heiratet sie den Witwer Tamio, um mit ihm in einem kleinen Fischerdorf weit entfernt von der Stadt Osaka ein neues Leben zu beginnen. Zuerst sieht man die Hochzeitsgesellschaft, die um eine lange, mit bescheidenen Speisen gedeckte Tafel herumsitzt; dann die Küche nebenan, in der Tamios kleine Tochter Tomoko bei der Zubereitung des Essens hilft; und schließlich das Haus von außen, ein einfaches weißes Holzhaus in einer kargen Meerlandschaft irgendwo am Ende der Welt.

In einem amerikanischen Film wäre es genau umgekehrt. Als erstes würde man, in einem establishing shot, das Haus sehen, dann die Küche und zuletzt die Feier, auf der, gemäß den eisernen Regeln der Kinounterhaltung, nun irgend etwas Dramatisches geschehen müßte, ein Streit zwischen Schwiegertochter und Schwiegereltern, das Absingen der Nationalhymne, vielleicht sogar ein Mord. Wir haben uns daran gewöhnt, diese Einstellungsfolge für die einzig richtige, diese Filmsprache für die einzig verständliche zu halten.

Aber es gibt trotzdem noch immer Filme wie "Maborosi no hikari", was auf deutsch etwa "Das Licht der Illusionen" bedeutet, Geschichten, in denen man die Dinge der Welt in anderer Reihenfolge sieht. Ins Kino kommen sie gewöhnlich nicht mehr, ins Fernsehen nur noch selten. Wo also kann man sie sehen? Auf Filmtagen, Filmwochenenden, Filmfestspielen. Zum Beispiel in Venedig, in einer Stadt, die alles braucht, nur kein Filmfestival. Zehn Tage dauert es, ehe die Wasser der Lagune sich wieder über den Bildern aus Persien, Kasachstan, Mexiko, Vietnam, Amerika und Europa geschlossen haben, ehe die Stadt, die in Wahrheit ein Land aus Seen und Flüssen, Wäldern und Ebenen, Dörfern, Klöstern und Städten ist, wieder ganz den Touristen gehört. In dieser Zeit steht die Zeit des Kinos still. Danach geht sie weiter, mit den üblichen Kassenhits, den üblichen Pleiten, den raren Überraschungen.

Die diesjährige Jury von Venedig unter dem Vorsitz des spanischen Schriftsteller Jorge Semprún verlieh den Goldenen Löwen an Tran Anh Hungs "Cyclo". An dieser Entscheidung gibt es nichts auszusetzen. "Cyclo" war der beste Beitrag des Wettbewerbs und der einzige große Film dieses Festivals überhaupt. Eine vietnamesische Elegie: Leben und Sterben in Hanoi. Ein junger Rikschafahrer und seine ältere Schwester geraten in den Sog der Mafiabanden, die die Stadt unter sich aufgeteilt haben. Der Junge wird zum Handlanger eines Gangsterbosses, die Schwester verliebt sich in einen Killer, der sie als Prostituierte verkauft. "Cyclo", das ist "Berlin Alexanderplatz" in fernöstlicher Drapierung, mit den Farben, Gesten und Gerüchen einer fremden Welt. Aber wo Fassbinder die Geschichte einst in Dunkelheit getaucht hat, da reißt Tran Anh Hung sie ins grellste Licht. Sein Film strotzt vor visuellen Pointen und szenischer Energie, er mischt das Goldgelb des Feuers mit dem Hellblau des Todes, den Gangster- mit dem Liebesfilm, den kaltblütigen Mord mit der süßesten Poesie.

"Cyclo" hat, wie schon Trans Debütfilm "Der Duft der grünen Papaya", die Kraft des absoluten Anfangs: Jedes Bild, das er erfindet, füllt eine Lücke auf der Weltkarte der Kinematographie. Die amerikanischen Vietnam-Filme haben das Land unter Kriegsbildern zugedeckt. Tran Anh Hung räumt den Kino-Schutt beiseite - und entdeckt eine Stadt, in der nicht mehr Frieden herrscht als in Los Angeles oder New York.

New York, 1995. Im tiefschwarzen Brooklyn ist der Manager eines Schnellrestaurants erschossen worden. Strike (Mekhi Phifer) steht unter Verdacht, doch sein Bruder Victor nimmt die Tat auf sich; ein weißer Kommissar (Harvey Keitel) will die Wahrheit herausfinden. "Clockers", eine Story von Richard Price, sollte ursprünglich von Martin Scorsese verfilmt werden. Jetzt hat Spike Lee den Film gedreht. Doch weil Lee zwar ein großer Moralist, aber ein schlechter Erzähler ist, sieht "Clockers" bloß wie eine "Derrick"-Folge im Breitwandformat aus: gute Brüder, böse Brüder, Drogenhändler hier, weinende Mütter da, und mittendrin ein Polizist, dem die Familie heilig ist. Harvey Keitel meets Horst Tappert - holy shit!

Los Angeles, zur gleichen Zeit. Ein Mann, John Booth (David Morse), wird aus dem Gefängnis entlassen, ein anderer, Freddy Gale (Jack Nicholson), sinnt auf Rache. Booth hat Gales kleine Tochter bei einem Verkehrsunfall getötet, worauf Gales Ehe mit Mary (Anjelica Huston) in die Brüche ging; durch den Mord an Booth will Gale sein eigenes Leben zurückgewinnen. Die Kamera verfolgt das Duell der beiden Männer, hektisch und verzweifelt der eine, ruhig und todesbereit der andere - und zwischen ihnen die Frauen als Prellsäcke, die den Schlag auffangen, der eigentlich dem Gegner gilt. Ein aufregender Stoff. Aber Sean Penn, der Regisseur, wollte nach seinem schönen, stillen Erstling "The Indian Runner" alles gleich drei Nummern größer machen: mit großen Stars, "großen", dröhnenden Zeitlupenbildern und ganz großen Gefühlen. Deshalb ist "The Crossing Guard" ein großkotziger Film, der seine besten Momente unter fettem Kitsch begräbt.

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