Radlers Ohnmacht
Versuchen Sie als Gegner der Hosenspange einmal, in einem Fahrradgeschäft nach einem leichten Fahrrad mit einem Kettenkasten zu fragen. Immerhin ist die Kette ölig und versaut nicht nur Rock oder Hose, sondern reichert sich auch mit Sand und Schmirgel an, was ihre Leichtgängigkeit und Lebensdauer drastisch verkürzt. Es wäre also bloß Stand der Technik, wenn die Kette verkapselt liefe.
Aber da sollte man den Fachhändler hören: "So was will der Kunde net!" Darauf der konsternierte Frager: "Aber ich hab' doch soeben danach gefragt!" Ersparen wir uns die nun folgenden Ausflüchte und stellen uns den inneren Monolog des Händlers vor: "Du bist bloß der Verbraucher! Nimm das rote Mountainbike mit seiner sportlichen Optik, zahle und verschwinde! Meine Einkaufsgenossenschaft hat dieses in großer Stückzahl auf der Messe geordert, und jetzt muß es zügig abverkauft werden." Klar, daß das Bike eine Kettenschaltung mit 21 Gängen hat und die Kette völlig ungeschützt, also für das Fahren in Straßenkleidung nicht nur ungeeignet ist, sondern gefährlich werden kann, wenn Rock oder Hose zwischen Kette und Kettenrad gelangen. Dabei gibt es Nabenschaltungen mit sieben völlig ausreichenden Gängen, wo die Vollverkapselung der Kette möglich wäre. Aber wer das will, ohne ein schwarzes Halbzentnermonster aufs Auge gedrückt zu bekommen, der muß nach Holland fahren.
Der deutsche Fahrradmarkt ist ein Einkäufermarkt, hier liegt die Ursache für das gerüttelt Maß an Irrationalität in dieser Branche. Wo auf den Messen König Händler ordert, sind die Fahrradhersteller seinem launischen Geschmack ausgeliefert. Und der deckt sich leider selten mit den Interessen der eigentlichen Nutzer. Die Vorstellungen von einer Zukunft, wo Autos nur für Fernfahrten genutzt werden und deren Besitzer für Innenstadtfahrten auf einem Sattel Platz nehmen, spielen in der Fahrradbranche keine Rolle: Fahrräder dienen dem Sport und der Freizeit.
Bittere Erfahrungen mußten auch Designer machen, die mit Fahrradherstellern Kontakt aufnahmen. Der Designer Hans Muth etwa beklagt in einem Leserbrief an die ADFC-Mitgliederzeitschrift mangelnde Unterstützung für solche Hersteller, "die sich Gedanken über Konzeptionen und Innovationen machen, Geld investieren und mutig den ,starren Fronten der Händler` (Stimmen aus der Industrie) entgegentreten".
Noch bis in die Nachkriegszeit gab es im Fahrradhandel den Typ des grundsoliden Mechanikers. Seither aber ist die Zuwanderung der Abbrecher aus dem Profiradrennsport zum Strom angeschwollen - was soll man auch tun, wenn die Rennerfolge altersbedingt aufhören? Also wird man Händler und stellt den Laden voller entfeinerter Rennräder, denn nur Verrückte können etwas anderes wollen. Zur Fortbewegung dient das Auto. Bei allen Innovationen auf der Messe, die vom fixen Bild des Rennrads abweichen, weist der Händlerdaumen nach unten. Zwar ist die Branche inzwischen gespalten, die alternativen Läden sind aber noch in der Minderheit, und die Hersteller richten sich nach der Mehrheit. Neue Trends haben nur eine Chance, wenn sie in das Schema der ewigen Jungmänner-Rangelei passen: Mountainbikes sofort - Hollandräder igitt.
Hier ist sie also perfekt verwirklicht, die Sozialkontrolle der Technik, von der mancher in den achtziger Jahren träumte. Und der Kontrolleur ist letztlich der organisierte Sport in seinem Bestreben, die menschliche Leistung durch Normung des "Materials", wie das Fahrrad dort heißt, vergleichbar zu machen. Funktionäre haben in den dreißiger Jahren das Rennrad international zu Tode genormt. Eine Neukonstruktion war aufgetaucht, die alle bisherigen Rekorde schlug, also mußte man sie sofort verbieten! Im Gegensatz zum Auto brachten also die Radrennen keinerlei technischen Fortschritt mehr für das Verkehrsmittel, im Gegenteil, auch die Schaltungen der Tourenfahrer waren bis in die dreißiger Jahre als "unfairer Vorteil" verboten.
Dies wirft die prinzipielle Frage auf: Woher nimmt der organisierte Rennsport die demokratische Legitimation, das ökologischste Verkehrsmittel durch unsinnige Vorschriften unbrauchbar zu machen? Der Steuerzahler, der den Amateurrennsport und indirekt auch den Profisport subventioniert, will dafür gesellschaftlich verantwortliches Handeln und keinesfalls das Vereiteln von Innovationen. Letztlich sind Versicherungsgesellschaften oder wie jetzt in Frankreich der Staat gerufen, das Fahrrad aus dieser Situation zu lösen und verkehrssicher zu machen.
- Datum 15.09.1995 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 38/1995
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