Alles ist immer gefährdetSeite 2/2
Wahrhaft gefährlich aber wird der Gefährdungsgedanke, sobald man das Artenschutzprinzip auf ethnische Minderheiten anwendet. Denn dabei naturalisiert man ein kollektives Selbstbild, interpretiert die Kultur der Minderheit in einer biologischen Metapher und billigt ihr so die Pflege eines Nationalismus zu, der bei der "Mehrheit" nicht tolerabel wäre. Wer den Nationalismus von Minderheiten fördert, darf sich nicht wundern, wenn danach auch die Mehrheit nach "nationaler Identität" dürstet.
Nach den Tieren, Pflanzen, Menschen und Kulturen kamen die Dinge dran. Kaum der immer kürzer werdenden Gebrauchsphase entronnen, wird heute jedes Ding zum Artefakt und ist damit auch gefährdet. Die Kaffeetassen der vierziger Jahre, die Perlmuttknopfvariationen der fünfziger Jahre, die Plastikautositze der sechziger Jahre - sollen wir alles retten, archivieren, musealisieren? Hat alles, was je auf der Bühne der Welt erschienen ist, dadurch an sich schon Wert und ein Recht auf ewige Konservierung?
Wenn ja, dann ist die Weltgeschichte vorgezeichnet als ein Weg zur Arche Noah, zum universalen Zoo mit zwei Exemplaren pro Gattung, zum totalen Museum aller je gewesenen Dinge. Aus der Natur wird ein Naturpark, und auch die Menschen sind dann nur noch Darsteller von Lebensformen, die einstmals Formen des Lebens gewesen waren. Die Welt wird zu einem einzigen großen Jurassic Park, zur Ausstellung ihrer selbst.
Zugegeben, der bedingungslose Fortschrittsglaube, der die Bestände der Natur und Kultur nur als das kannte, was zu überwinden sei, war einseitig und naiv. Doch seine spiegelbildliche Verkehrung, der Diskurs der Gefährdetheiten, der neue Imperativ der Konservierung, ist es nicht minder. Die Vielfalt der Natur, aber auch der Kultur sind entstanden aus der Veränderungs- und Überwindungsdynamik, nicht aus Konservierung. Schont und hegt man sie, so nimmt man ihr paradoxerweise die Entfaltung ihrer Möglichkeit. Gerettete Natur ist keine mehr, denn sie ist um ihr eigenes Prinzip gebracht.
Natur und Kultur haben zumindest dies gemeinsam, daß sie von sich selbst gefährdet sind und aus ihrer Selbstüberwindung heraus gedeihen. Nichts ist der Natur fremder als ihre Schonung, nichts widernatürlicher als das Prinzip der Verewigung. Weder Fortschritt noch Konservierung taugen zu absoluten Werten. Wo nur noch Rettung ist, wächst das Gefährdete nimmermehr.
Die chemische Industrie gefährdet die Natur, das Beharren auf dem angeblich Natürlichen gefährdet die Kultur. Was sein soll, ist aus der stets wahren Tatsache der Gefährdetheit nicht abzuleiten. Was lebt, ist auch gefährdet. Und nur, was gefährdet ist, lebt.
Am Ende dieser Zeilen hab' ich es geschafft: Guter Mensch bin ich keiner mehr. Dafür bin nun auch ich - gefährdet.
- Datum 22.09.1995 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 39/1995
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