Was Ford nicht tut

KÖLN. - "Wer gerne arbeitet, arbeitet besser", schallt es durch die Lautsprecher, "eine Erkenntnis, die auch heute den Autos zugute kommt." In einer fünfzehnminütigen Ton-Bild-Schau stellt Ford seine Firmengeschichte dar. In Schwarzweißaufnahmen das berühmte Ford-T-Modell, die erste Fließbandproduktion, die Grundsteinlegung des Ford-Werkes Köln im Jahr 1930 durch Konrad Adenauer. Dann ein Zeitsprung. Schrille Farbdias und synthetisierte Töne markieren die Jetzt-Zeit: Windkanal, technische Abteilung, Lackierung, Modellpalette, Designabteilung, Ford als Förderer des Umweltgedankens und, immer wieder, zufrieden aussehende Ford-Mitarbeiter, denn: "Wer gerne arbeitet . . ." In den Zuschauerreihen sitzen Männer und Frauen aus der Ukraine, aus Rußland und Polen und starren: Fahrkomfort und Sicherheit, hoher technischer Standard, und das alles zu einem günstigen Preis - "Ford, die tun was". Der Werksleiter begrüßt seine Gäste - seit fünfzig Jahren waren sie nicht mehr im Werk. Er wünscht einen angenehmen Aufenthalt.

Auf Einladung des Oberbürgermeisters der Stadt Köln besuchen sechzehn ehemalige KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter die Stadt, in der sie in den Jahren 1942 bis 1945 zur Sklavenarbeit in Industrie, Gewerbe, Hauswirtschaft und Landwirtschaft gezwungen wurden. Genaue Zahlen liegen nicht vor, aber Fachleute gehen davon aus, daß in Köln über 20 000 Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Große Firmen wie Aero-Stahl, Felten & Guilleaume, IG Farben, Vereinigte Westdeutsche Waggonfabrik oder die Elektronische Fabrik Grothe hatten auf ihrem Werksgelände eigene Barackenlager. Bei Ford Köln waren mindestens 2500 Menschen, hauptsächlich "Ostarbeiter", in solchen Lagern untergebracht.

Offizielle Gäste der Stadt sind die ehemaligen Zwangsarbeiter zum sechsten Mal. Köln will zeigen, daß es der historischen Verantwortung für diesen dunklen Abschnitt seiner Geschichte nicht ausweicht: Auch in den stadteigenen Betrieben leisteten die Zwangsarbeiter Sklavenarbeit. Die jährlichen Einladungen gehen auf die Initiative einer Projektgruppe "Messelager" zurück, die sich 1987 gründete und die Geschichte der Kölner Messe als Außenstelle des KZ Buchenwald aufarbeitete. Mehr als 200 Zwangsarbeiterlager in Köln hat die Projektgruppe bis jetzt dokumentiert. Eines der größten befand sich auf dem Gelände der Ford-Werke in Köln-Niehl. In diesem Jahr waren zum zweiten Mal ehemalige Zwangsarbeiter bei dem Automobilunternehmen zu Gast. Routinemäßig, als ob es sich bei den Besuchern um Oberschüler handelte, will man die Angelegenheit hinter sich bringen. Aufmerksam lauscht der Werksleiter den Worten des Übersetzers, während die Gäste aus der Ukraine, Rußland und Polen sich in Halle A umsehen dürfen. "Erinnern Sie sich?" - "Erkennen Sie etwas wieder?" Die Treppe sei noch aus den vierziger Jahren, ob sich Frau Kulagina erinnere? Die kleine Frau steht stumm vor der breiten Treppe, dann wendet sie sich ab und bricht in Tränen aus.

Die Ford-Begleitung mahnt zur Eile. Noch ein Blick in diesen und jenen Gang und dann an den Rhein, an die Kaimauer, wo neben Halle A eine Baracke der Ostarbeiter stand. Stepan Iwanowitsch Saika, Lagernummer 456, erinnert sich an dreistöckige Betten und einen einzigen Bollerofen, an dem sich bei Kälte 300 Mann wärmten.

Zwölf und mehr Stunden mußte er täglich arbeiten und hatte auch im Winter nur Holzschuhe an den Füßen. Hin und wieder sagt er auf deutsch: "Schläge von Werkschutz." Und die Verpflegung? - "Brot, fünf Gramm Margarine, Malzkaffee." Schweigend steht der Werksleiter daneben und wippt unruhig von vorn nach hinten - kein Wort des Bedauerns, der Entschuldigung kommt über seine Lippen. Dazu ist er auch gar nicht berechtigt, denn Ford ist ein streng hierarchisch organisierter Betrieb. Wenn der Öffentlichkeit etwas mitzuteilen ist, übernimmt das der Vorstandsvorsitzende selbst.

Ford lag 1938 bei der Herstellung von Pkw an vierter Stelle im Deutschen Reich. Außerdem gehörte der Konzern zu den wichtigsten Lkw-Lieferanten für die deutsche Wehrmacht. "Die Umstellung von der Friedensproduktion auf Kriegswirtschaft vollzog sich im allgemeinen reibungslos", stellte der damalige Vorstandsvorsitzende Robert H. Schmidt fest. "Die von der Wehrmacht eingesetzten Ford-Wagen konnten sich an allen Fronten bewähren." Während des ganzen Zweiten Weltkriegs war Ford, wie zuvor und heute immer noch, ein amerikanischer Konzern. Die Zusammenarbeit zwischen dem Firmenstammsitz in Detroit und dem Werk in Köln klappte, auch nach dem Kriegseintritt der USA, reibungslos: In Amerika sorgte die United States Strategic Bombing Survey dafür, daß die alliierten Luftstreitkräfte nur diejenigen Ziele bombardierten, die für die USA nicht von Interesse waren. Ford Köln wurde ausdrücklich von jedem Bombenangriff verschont: Während des ganzen Krieges gingen auf das Werk nur zwei Bomben nieder.

Die Manager von Ford überstanden den 8. Mai 1945 ohne große Probleme. Für kurze Zeit verschwand der Name Robert H. Schmidt von der Liste der Vorstandsmitglieder. Doch Anfang der fünfziger Jahre tauchte er dort wieder auf und spielte neben dem neuen Generaldirektor Vitger eine entscheidende Rolle.

Ford Köln weicht der Verantwortung vor der eigenen Geschichte aus. Der Vorstand betrachtet solche Fragen als innere Angelegenheit der Firma. Auch daß Ford seit August 1944 neben dem Kriegsgefangenen- und Ostarbeiterlager ein eigenes Kommando ("Köln-Ford") des KZ Buchenwald unterhielt, ist für den Konzern eine Privatangelegenheit. An die SS zahlte Ford pro Tag vier Reichsmark für Hilfsarbeiter und sechs Reichsmark für Fachkräfte. In Köln-Niehl will man davon nichts wissen.

Als die Projektgruppe Messelager in diesen Tagen ein Forum "ZwangsarbeiterInnen und KZ-Häftlinge bei Ford" veranstaltete, ließ die Automobilfirma wissen, rein "technisch" sei der Termin "äußerst ungünstig": Dienstag und Mittwoch seien die Pressetage auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt; die gesamte Mannschaft der Öffentlichkeitsarbeit sei dort praktisch "rund um die Uhr" im Einsatz. Und weiter: "Was das andere von Ihnen angesprochene Thema anbetrifft, nämlich mit zeitgeschichtlichen Forschungen Lücken in der Firmengeschichte zu schließen, so ist derzeit der Entscheidungsprozeß noch nicht abgeschlossen." - Fünfzig Jahre lang befindet sich die Chefetage von Ford Deutschland jetzt schon im Entscheidungsprozeß.

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    • Von Herbert Hoven
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 39/1995
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