Eine breite Fußgängerbrücke, die nur ab und zu von ein paar Radfahrern mißbraucht wird. Unter ihr fährt die U-Bahn. Wenn die kommt, bebt der Bau ein wenig. Das hat nichts Erschreckendes. Man ist eher beruhigt und denkt: Ach, er lebt noch. Wer oben auf der Brücke steht, blickt rechts und links über eine weite Parklandschaft mit Bäumen, Rasenflächen und einem Teich. Auf dem Geländer der Brücke stehen ungeschlachte Skulpturen, Zentauren mit ihren Geliebten auf den Rücken.

"Meine Tochter und ihre Clique gehen jeden Abend hin. Eine romantischer Ort. Das ist ihre Seufzerbrücke, dort treffen sie sich und halten Händchen", erklärte mir eine Freundin. Sie grinste ein wenig dabei, fixierte aber ihre Stimme, hatte ich den Eindruck, in einer so exakt austarierten Mittellage, daß ich nicht feststellen konnte, ob sie stolz darauf war, daß ihre sechzehnjährige Tochter jemanden hatte, mit dem sie bei Sonnenuntergang Händchen halten konnte, oder ob sie sich ärgerte, daß sie selbst nur noch selten in diesen Genuß kam.

Meine Phantasie aber hatte sie in Bewegung gesetzt. Ich stellte mir die jungen Leute auf der wilhelminischen Brücke vor, wie sie dichtgedrängt beieinanderstanden. Zunächst umgeben von ihren Freunden, dann sich lösend aus der Gruppe, Paare bildend und auf und ab gehend wie auf einer südlichen Strandpromenade. Ab und zu verlassen einige die Brücke, gehen hinunter in die Büsche. Eine Mischung aus Watteau, Zola und Biologie. Soviel Bukolik mitten in Berlin. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Als ich um neunzehn Uhr die Brücke betrat, waren nur sechzehn halbwüchsige Jungen und Mädchen auf der Brücke. Sie saßen auf einer Decke und spielten Karten. Zwischen ihnen die Überreste einer Pizza und ein paar Pappbecher. Die Spieler unterhielten sich, wenn die Karten ausgeteilt wurden. Keiner brüllte, niemand schrie. Kein Ghettoblaster. Alles geschah leise, wie gedämpft. Es gab keinen Streit. Aber auch keine Liebe. Nicht einmal ein Knistern.

Es war dunkel geworden. Ein Mädchen erhob sich. Lang aufgeschossen in Turnschuhen, Jeans und Pullover. Sie streckte sich, dann strich sie mit ihrer rechten Hand dem unter ihr sitzenden Jungen über die Schulter, der drehte sich ihr zu, sie bückte sich und küßte ihn rechts und links auf die Wangen, dann gaben sie einander die Hand, und bevor sie zum nächsten ging, berührte sie ihn noch einmal mit beiden Händen. So ging sie zu allen, strich ihnen übers Haar, tätschelte dort eine Wange, hier eine Brust, dann kam wieder der Doppelkuß, danach der Handschlag, und zum allerletzten Abschied berührten die Hände noch einmal die anderen Körper.

Die Freunde und Freundinnen erwiderten ihre keuschen Liebkosungen. Keine Einschiffung nach Cythera, aber doch immerhin die geheimnisvollzärtliche cérémonie des adieux eines fremden Stammes.