Mögen sich die Ökonomen in Übersee auch über die mageren Dimensionen des sechsten japanischen Konjunkturprogramms in Folge mokieren - für die Bürger des Landes ist der Expansionskurs der Regierung auf Schritt und Tritt zu spüren. Das fängt vor der Haustür an, wo die Stadtplaner eine im Autoland Japan bisher kaum bekannte Verkehrsader entdecken: den Bürgersteig - rot geteert und mit hübschen Planken geschützt. Der Fußgänger kann sich endlich seinen eigenen Weg durch die Metropolen Tokio und Osaka bahnen.

Anderes, bislang Vernachlässigtes, kommt hinzu: Neue Grünflächen entstehen, verkommene Parks werden renoviert, Kinderspielplätze sprießen wie Pilze aus dem Boden der Großstädte. Japan leidet unter der Rezession und gleicht doch einer riesigen Baustelle.

Der Grund: 9,5 Billionen Mark - mehr als das Dreifache der deutschen Wirtschaftsleistung - sollen in den kommenden zehn Jahren für Infrastruktur und öffentliche Einrichtungen ausgegeben werden. In diesen Rahmen fügt sich auch das vergangene Woche in Tokio vorgestellte Rekordpaket zur Konjunkturbelebung. Real 120 Milliarden Mark will das Finanzministerium bis März noch einmal drauflegen, um die stagnierende Wirtschaft anzukurbeln. Wieder wird der Hauptteil des Geldes in öffentliche Projekte fließen - von Altersheimen bis zu neuen Schnellbahnen. Hirohiko Okumura, Wirtschaftsprofessor an der Tokioter Gakushiun-Universität, zweifelt nicht, daß sich die immensen Ausgaben langfristig lohnen: "Der Besuch irgendeiner japanischen Stadt macht deutlich, wie wenig unser Land bisher im Vergleich zu Städten wie Wien, London oder Paris in Sozialkapital investiert hat, das für die kommenden 100 oder 200 Jahre Bestand hat. Der Rest der neunziger Jahre, in denen wir noch mit einem hohen Leistungsbilanzüberschuß rechnen können, bietet für Japan die letzte Chance für eine Wirtschaftspolitik mit wahrhaft historischer Perspektive."

Doch so weitsichtig das Urteil Okumuras klingen mag - im Ringen um die richtige japanische Konjunkturpolitik spielte dieser Aspekt in den vergangenen Wochen keine Rolle. Statt langfristiger Investitionen verlangten Anleger und Fondsmanager nämlich etwas ganz anderes: Steuererleichterungen und Strukturreformen in einer Wirtschaft, die aus ihrer Sicht unter dem großen Einfluß des Staats eher leidet als floriert.

"Das jüngste Maßnahmenpaket ist zwar auf der Ausgabenseite das größte aller Zeiten, doch es unternimmt nicht einmal mehr den Versuch einer Strukturpolitik", sagt Jesper Koll, Chefökonom der amerikanischen Investmentbank J. P. Morgan in Tokio. Die Börse sah dies ähnlich: Um fast 1000 Punkte sackte der Nikkei-Index in den vier Tagen nach Ankündigung des Konjunkturpakets ab.

Tatsächlich verzichteten die Bürokraten im Tokioter Finanzministerium diesmal fast vollständig auf begleitende Deregulierungsschritte für Japans streng kontrollierte Wirtschaft. Steuerkürzungen, die im Rahmen des Konjunkturpakets vom Februar 1994 ein Drittel ausmachten, waren in diesem Jahr kein Thema mehr. Im Finanzministerium hat ganz offenbar die alte Schule der Interventionisten obsiegt: "Die bislang erreichte Summe der Maßnahmen garantiert ihre Effektivität", prophezeite ein hoher Finanzbeamter aller Kritik zum Trotz.

In Wirklichkeit sind die Ergebnisse der japanischen Konjunkturpolitik höchst umstritten. Zusätzliche 390 Milliarden Mark an öffentlichen Investitionen wurden durch die vergangenen fünf Konjunkturpakete seit August 1992 in den Wirtschaftkreislauf gepumpt. Doch der erhoffte Aufschwung stellte sich nicht ein: Seit Beginn der Programme liegt das Wirtschaftswachstum in Japan nahe Null, und auch nach dem jüngsten Bericht der Zentralbank ist eine rasche Belebung nicht in Sicht. "Die Regierung hätte viel früher reagieren müssen. Statt dessen hat das Finanzministerium durch zu langes Zögern und unrealistische Wachstumsprognosen heute seine Glaubwürdigkeit verspielt", meint Richard Koo, Chefökonom des Wertpapierhauses Nomura. Alle Kritik hindert Koo freilich nicht daran, die staatlichen Interventionen weiterhin für notwendig zu halten: "Ohne die Maßnahmen wären wir in einer tiefen Rezession. Insofern ist die Regierungspolitik sehr effektiv."