Auf den Stichen immer wieder Befestigungsanlagen und die sie belagernden Heere. Dazwischen Säbel und Dolche, Streitäxte, Panzerhemden, Steinschloß-, Luntenschloß- und Schnappschloßgewehre. "Das Abendland und der türkische Orient" - das hieß jahrhundertelang vor allem Krieg. Die Schätze der hier ausgestellten "Türkenkammer" der sächsischen Könige waren meist Beutestücke, Gegenstände, die die Truppen Toten genommen, Gefangenen geraubt oder Fliehenden abgejagt hatten. Die geschlagenen Muslime hinterließen neben den zum Teil prächtig verzierten Waffen auch Bücher, Dokumente, Schmuck, Gebrauchsgegenstände, die vor Wien oder Buda den Besitzer wechselten. Die Ausstellung zeigt nicht nur den Dresdner Besitz, sondern auch Kostbarkeiten aus anderen Beständen. Darunter aus Berlin ein prächtiges Urkundenfragment Suleymans I. (1520 bis 1566), das zeigt, bis in welche künstlerischen Höhen etwas so Bürokratisches wie eine Kanzleischrift getrieben werden kann. Der Begriff "Schriftkultur" bekommt angesichts solcher Arbeiten einen ganz neuen Sinn.

Auch der Westen produzierte damals Kunst an Stellen, an denen der Laie nicht danach suchen würde. Da ist eine aquarellierte Tuschzeichnung mit einem Grün, zart wie von Twombly. Sie stammt aus einem der Exemplare des sogenannten "Ungarischen Festungsatlas". Das Grün soll die umgebende Landschaft markieren, das freigelassene Weiß in der Mitte zeigt Unter- und Oberstadt Zagrebs, die Konturen der wichtigsten Gebäude sind blaßrosa eingezeichnet. Ob die Militärs, die sich damals über den Atlas beugten, um zu wissen, wie sie am besten Zagreb retten und vernichten konnten, die bezaubernde Schönheit dieses Blattes erkannten? Wußte der Künstler, wahrscheinlich Nicolaus Angielus, was er da tat? Oder entdecken erst wir die Gebrechlichkeit dieses Grüns, die Raffinesse des ausgesparten Weißraums? Haben erst die Nachgeborenen den ästhetischen Blick, oder waren schon die Zeitgenossen dekadent und raffiniert genug, auch den Mord, sogar den Völkermord, als schöne Kunst zu betrachten? Vielleicht aber hat die Zeit erst die Schönheit hervorgebracht. Vielleicht verblaßte erst im Dämmer der Bibliotheken ein häßlich-knalliges Grün zu dieser Lindenzartheit.

Im Lichte des Halbmonds - Das Abendland und der türkische Orient, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum, Katalog Edition Leipzig, 98 Mark.