Groß ist gut, größer ist besser. Dieses Prinzip schien im Sommer endgültig zum ehernen Gesetz der amerikanischen Wirtschaft zu werden: Kaum eine Woche verging ohne neue Zusammenschlüsse (siehe ZEIT Nr. 37/95). Am vergangenen Freitag erst einigten sich der Medienkonzern Time Warner und der Fernsehsender Turner darauf, zu fusionieren. Sie werden damit zum weltweit größten Spieler in der Medien- und Kommunikationsbranche.

Kurz zuvor hatte freilich ein anderes Unternehmen einen Kontrapunkt gesetzt: Robert Allen, der Vorsitzende des amerikanischen Telekomriesen AT&T, kündigte vergangene Woche überraschend an, sein Konzern werde sich demnächst in drei unabhängige Teile spalten. Und alles deutet darauf hin, daß "die größte Spaltung in der Wirtschaftsgeschichte" (New York Times) weit bedeutsamer sein wird als viele der anderen Großhochzeiten. Sie könnte nämlich die internationalen Fernmeldemärkte ähnlich beeinflussen wie schon die erste Zersplitterung von Ma Bell, der Mutter der Telephone, wie AT&T lange Zeit liebevoll genannt wurde. Im Jahre 1984 trennte sie sich von den sieben Baby Bells, jenen Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten seither die Orts- und Nahverkehrsgespräche abwickeln. Damit wurde die weltweite Deregulierungs- und Liberalisierungswelle in der Telekommunikation angestoßen.

Bislang blieb der Telekomkonzern allerdings ein vertikal integriertes Unternehmen, das zugleich Ferngespräche sowie andere Fernmeldedienste anbot, Telephonanlagen aller Art baute und sich anschickte, groß in die Computerbranche einzusteigen. Damit ist es nun vorbei: Aus allen drei Zweigen sollen in den nächsten Monaten eigenständige Unternehmen werden.

Auch die Gründe für die freiwillige Aufspaltung sind heute andere. Anfang der achtziger Jahre zerschlug die amerikanische Kartellbehörde AT&T, weil der Konzern auf unfaire Weise versucht haben soll, sich neue Konkurrenten wie MCI oder Sprint vom Hals zu halten. Jetzt kommt der Druck gleich von drei Seiten: den Aktionären, dem Kongreß in Washington und dem hart umkämpften Fernmeldemarkt.

AT&T konnte es vor seinen Besitzern nicht mehr rechtfertigen, sich an einem alten Traum festzuklammern, der für die traditionsreiche Fernmeldefirma längst zum Alptraum geworden ist: Telekommunikation und Computer in einem Unternehmen zu verschmelzen - eine Zukunft, die viele Experten in den achtziger Jahren wegen der technologischen Entwicklung für unausweichlich hielten und die auch heute noch beschworen wird. Allerdings geriet die Umsetzung der Strategie bei AT&T gründlich daneben. Im Jahre 1991 übernahm das Unternehmen für 7,5 Milliarden Dollar den Computerproduzenten NCR. Doch die neue Abteilung, inzwischen in Global Information Solutions (GIS) umbenannt, kam aus den tiefroten Zahlen nie heraus. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verlor die Tochter 332 Millionen Dollar.

Über mangelnde Profite kann die andere Hardware-Abteilung, der Telephonanlagenbau, derzeit nicht klagen. Aber auch sie könnte auf Dauer zum Problemfall werden: Mögliche Kunden, wie die Deutsche Telekom oder BT (vormals British Telecom), dürften sich davor scheuen, bei AT&T Ausrüstungen für ihre Fernmeldenetze, wie etwa Vermittlungsstellen, zu kaufen, weil der Konzern wohl bald auch zum Konkurrenten im eigenen Land wird.

Am dringlichsten ist dieser Interessenkonflikt freilich nicht in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten. Denn dort plant der von den Republikanern beherrschte Kongreß eine neue Deregulierungsrunde. Danach dürfen auch die Baby Bells demnächst landesweit Ferngespräche anbieten und deshalb kaum geneigt sein, sich - wie bisher - vor allem bei ihrer früheren Mutter mit Telephonanlagen einzudecken. Schließlich würden der Rivalin die eigenen Investitionspläne dadurch bekannt.