Rudi Sch. (Name und Anschrift von der Redaktion geändert) hat ein schweres Schicksal. Er ist 47 Jahre alt. Und er ist Autist. So jedenfalls lautet die Diagnose seiner Therapeutin, der bekannten Kieler Analytikerin Heide S. (52). "Man muß die Dinge doch beim Namen nennen", sagt Frau S. "Rudi ist Autist. Na und?"

Rudi, so Frau S. weiter, trage sein Los mit bewundernswerter Fröhlichkeit. "Ich fühle mich wohl, ich fühle mich wohl", sage er jeden Morgen vor dem Spiegel. Bei der hierauf folgenden Naßrasur gelinge es Rudi, so Frau S. weiter, zwischen Bart und Hals eine absolut messerscharfe Trennlinie herzustellen, und das ohne den Einsatz von Wasserwaage oder Bartlineal - ein rasiertechnisches Kabinettstück, das auch Nichtautisten äußerste Geistesgegenwart abverlange.

Die so am Morgen erarbeitete Fröhlichkeit und Präzision, so Frau S., verlasse Rudi dann den ganzen Tag nicht mehr.

Nur am Sandkasten, so Frau S., habe Rudi alle Freude verloren - seit ihm sein Freund Gerd aus Hannover (der sowieso lieber mit Autos spiele) kürzlich einmal ein Sandbackförmchen an den Kopf geworfen habe.

Sehr schön und gut und rührend das alles - was aber macht Rudi Sch. zum Fall fürs überregionale Feuilleton?

Eines Tages, so Frau S., habe sich Rudi, weil niemand mit ihm spielen wollte, an die Schreibmaschine gesetzt und ganz bedächtig in die Tasten geschlagen. Auf Rudis Zettel stand:

"rudiistkeinautistweilerbu!weilerbu!weilerbundeskanzlerist."