Berlin

Die öffentlichen Reaktionen auf die Bürgerrechtler sind noch immer paradox. Das ist zwar kein stichhaltiger Beweis ihrer Vitalität; es sollte aber daran hindern, sie kurzerhand in der Kapelle der friedlichen Revolution einzuschreinen. Von erstaunlicher Kontinuität ist jedenfalls die Beziehung der ehemaligen Dissidenten zu den Medien. 1989 wurden sie zum revolutionären Subjekt hochgeschrieben und als neue politische Elite begrüßt. Sehr bald begann die Totsagung, die sich wiederum als verblüffend zählebig erwies.

Heute sind sie Minister wie Arnold Vaatz in Dresden oder Regine Marquardt in Schwerin, sie sind Bundestagsabgeordnete wie Werner Schulz, Leiter von Evangelischen Akademien, Bildungsbeauftragte; sie arbeiten im "Mauermuseum" am Checkpoint Charlie, verwalten Archive oder auch nur Gelder. Reale Macht haben, immerhin, Joachim Gauck, einst Pastor und Bürgerrechtler in Rostock, und seine Mitarbeiter aus der Bewegung. Ihre Behörde, Anlaufstelle für alle, die an der Vergangenheit arbeiten, steht für den einzigen unbestrittenen politischen Erfolg der Bürgerrechtler nach der Wende: das Gesetz über die Stasi-Akten.

Sonst aber sind die Bürgerrechtler nicht im Zentrum der Macht, jedoch auch keine Randexistenzen. Als neue politische Klasse haben sie ihre Zukunft - die es in Wahrheit nie gab - schnell hinter sich gebracht. Niemand aber spricht vom persönlichen Scheitern.

Gewiß gibt es einen virulenten Gegensatz zwischen denen, die ein politisches Amt innehaben, und denen, die im Zwischenbereich von Institutionen agieren und überleben. Vorwürfe über Abzockerei und Karrierismus kursieren durchaus in den Zirkeln. Es gibt einen überlieferten Rechtfertigungsdruck, also auch einen Zusammenhang, selbst wenn die Lebenswege sich getrennt haben. Aber den meisten Bürgerrechtlern fällt bei der Frage, ob es Karrieristen gebe, allenfalls ein Name ein: Steffen Reiche, Kultusminister in Brandenburg und Ziehsohn von Manfred Stolpe. Ihre Kinder hat die Revolution jedenfalls nicht gefressen, sondern auf Bildungsreise geschickt.

Rückblicke anläßlich des fünften Jahrestags der Vereinigung gewähren sie höflich, weil Journalisten darum bitten. Aber sonderlich interessiert sind sie nicht. Im Gegenteil: Bärbel Bohley glaubt eher, das Nahen einer neuen Anfangssituation zu spüren, ein Ende der "Erstarrung". Daß sich im Berliner Wahlkampf am Prenzlauer Berg jetzt zwei ehemalige Bürgerrechtler als Konkurrenten gegenüberstehen: Marianne Birthler vom Bündnis 90/Die Grünen, die nicht ohne Chance für ein Direktmandat kämpft, und Bernd Holtfreter, der mit Skrupeln für die offene Liste der PDS kandidiert - ist das ein Zeichen für das Ende? Ein Symptom? Die Beteiligten sehen darin eher ein Lokalereignis.

Die letzte Totsagung der Bürgerrechtler entsprang paradoxerweise einem Ereignis, daß man gemeinhin als politische Aufwertung verstehen könnte: der Besuch des Kanzlers in Bärbel Bohleys Teerunde am Prenzlauer Berg. Das Ereignis übertraf in seiner Wirkung mühelos den Berliner Wahlkampf. Die Öffentlichkeit erfuhr anhand eines dramatisch inszenierten Austritts, daß es das Neue Forum noch gibt: Reinhard Schult, der für das Neue Forum im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, kündigte wegen des Kanzlerbesuchs seine Mitgliedschaft. Mit 63 Unterschriften wurde in einer taz-Anzeige den Gesprächsteilnehmern - Katja Havemann, Konrad Weiß, Wolfgang Templin, Freya Klier, Bärbel Bohley und anderen - Verrat vorgeworfen. "Wir distanzieren uns von Leuten, die diesem Kanzler die Legitimation der DDR-Bürgerrechtsbewegung verschaffen wollen." Schnell stellte sich aber heraus, daß die Hüter der reinen Lehre eine tote Organisation dirigieren. Sie verfügen über ein paar hauptamtliche Stellen, über anderthalb Millionen Mark und residieren im Haus der Demokratie, der "Gespensterhöhle" (Bohley) der überlebten Basisorganisationen.