Gustave Courbets berühmtes Atelierbild zeigt ganz rechts einen jungen lesenden Mann. Vor ihm ein Paar, die Frau hat ihren Arm auf dem ihres Begleiters. Die Zeitgenossen haben uns überliefert, um wen es sich handelt. Charles Baudelaire hieß der Leser und die Frau vor ihm Madame Sabatier (1822-1890). Jeder in Paris kannte Madame. Seit man sie im Salon von 1847 hatte sehen können. Jedes Detail ihres nackten Körpers in Marmor gehauen, auf dem Boden liegend "in Zuckungen der Wollust", wie die Kritik schrieb. Ein Skandal und ein großer Erfolg ihres Geliebten, des Bildhauers Auguste Clésinger. Heute im Louvre zu besichtigen. Madame Sabatier fand bald in Alfred Mosselman, dem Sohn eines belgischen Bankiers und Grubenbesitzers, jemanden, der jahrelang nicht nur ihr Leben, sondern auch das einiger ihrer Freunde finanzierte. Zu denen zählten unter anderen Charles Baudelaire, Hector Berlioz, Eugène Delacroix, Gustave Flaubert, Théophile Gautier, die Brüder Goncourt.

Die Attraktion der Gesellschaften der "Präsidentin", wie Madame Sabatier genannt wurde, war neben der fröhlichen Gastgeberin und den Sottisen und Zoten der Gäste eine Konfitüre, die in nußgroßen Stücken ausgegeben wurde. Sie hieß Dawamesk und bestand aus Zucker, Vanille, Zimt, Pistazien, Mandeln, Muskat und Haschisch. Ein Rezept aus einer Zeit, die Diätprobleme zu ignorieren fest entschlossen war.

Susanne und Michael Farin haben zusammengetragen, was Baudelaire, Flaubert und Gautier über und an Madame Sabatier schrieben, darunter Gautiers berühmter pornographischer "Brief an die Präsidentin". Baudelaire schrieb ihr anonym Liebesbriefe und veröffentlichte in den "Fleurs du Mal" einige der an sie gerichteten Gedichte. Die Schlußverse von "An eine allzu fröhliche Frau", gemeint war Madame Sabatier, waren einer der Gründe für das Verbot des Buches: "So auch möchte ich eines Nachts, wenn die Stunde der Wollüste schlägt, zu den Herrlichkeiten deines Leibes wie ein Feigling lautlos schleichen,

Um dein frohes Fleisch zu züchtigen, um deine verschonte Brust zu geißeln und deiner überraschten Flanke eine klaffend tiefe Wunde zu schlagen

Und, süß taumelnder Rausch! durch diese neuen Lippen, heller und schöner leuchtende, mein Gift dir einzuflößen, o meine Schwester!"

Die Richter, vor denen sich Baudelaire wegen "Obszönität" zu verantworten hatte, warfen dem Autor Mordabsichten vor, und mit dem "Gift" habe er die Syphilis gemeint. In Baudelaires Handschrift ist noch von "Blut" die Rede. Erst im Druck trat "Gift" an dessen Stelle. Der Autor hatte seinen Text entschärfen wollen. Vergebens.

Am ergreifendsten aber sind drei Zeilen, die Baudelaire seiner Angebeteten schickte: "Une fois, une seule, aimable et bonne femme, / A mon bras votre bras poli / S'appuya" ("Ein Mal, ein einziges, Du Liebenswürdige und Gute, stützte auf meinen Arm sich dein blanker Arm"). Es sind ganz sicher nicht seine besten Verse, aber wer Courbets Bild vor Augen hat und sieht, wie Baudelaire vorgibt, sich in sein Buch zu vertiefen, während die von ihm vergötterte Madame Sabatier ihren Arm ihrem Begleiter reicht, der erkennt die Schüchternheit des Pornographen in Baudelaire.