Am Hansaplatz in St. Georg scheint alles vergeblich. Härte und Milde hat Hamburgs Senat schon eingesetzt, um das Elend auf der offenen Drogenszene in der Hansestadt einzudämmen (siehe auch Zeit Nr. 36). Härte: Die Polizei nahm im vergangenen Jahr über 4000 Menschen unter Drogenverdacht fest und sprach 27 000 Platzverweise aus - schon der aufgebrachten Anwohner wegen. Halbwüchsige Asylbewerber, die beim Drogenhandel erwischt werden, schicken die Behörden in ihre Heimatländer zurück. Razzien sollen die Dealer vom Hauptbahnhof vertreiben. Auf der anderen Seite Milde: Rund 3000 Abhängige bekommen die Ersatzdroge Methadon, gemeinnützige Trägervereine versuchen im Auftrag der Sozialbehörde, die Fixer durch "akzeptierende Sozialarbeit" aufzufangen. Hinter dem Hauptbahnhof verteilen Sozialarbeiter Tips für Junkies: "Tu dir was Gutes: Spritzen nur mit eigenem Besteck! Vögeln nur mit Kondom!"

Doch auch in diesem Jahr zählt Hamburg schon wieder 93 Drogentote, 14 weniger als zur gleichen Zeit des Vorjahres, aber alles andere als eine Wende. Ob der Staat Härte oder Verständnis praktiziert, immer ist "die Drogenkriminalität der Drogenpolitik einen Schritt voraus", sagt Hamburgs Drogenbeauftragter Horst Bossong. Bossong will nun ein völlig neues Mittel in der Drogenpolitik ausprobieren: die Marktwirtschaft.

Freier Markt für Heroin, Junkies als Kunden? Die ganze offizielle Drogenpolitik, so Bossongs Analyse, krankt bisher daran, daß sie grundlegende Erkenntnisse der Ökonomie außer acht läßt. Das Verbot harter Drogen schaffe überhaupt erst die wirtschaftliche Grundlage für Drogenmafia, Dealer und Beschaffungskriminalität. Und der Kampf gegen die Sucht werde organisiert und finanziert wie die "Planwirtschaft des ehemaligen Ostblocks" - von Effizienz keine Spur. Sind die Anstrengungen der Drogenpolitik vielleicht deshalb so oft vergeblich, weil viel Geld unkontrolliert in die falschen Kanäle fließt?

Bereits im Frühjahr 1992 brachte der Hamburger Senat eine Bundesratsinitiative zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes ein, um in einem Modellversuch die kontrollierte Abgabe von Heroin an Abhängige erproben zu können. Die Initiative zur Teillegalisierung von Heroin schlummert bis heute in den Ausschüssen des Bundestages ohne Aussicht auf ein positives Ergebnis. Doch nun soll in der von Finanznöten geplagten Stadt der Markt wenigstens auf dem Felde der Drogenhilfe beginnen. Sollte es Erfolg haben, dann könnte das "Neue Steuerungsmodell" (NSM) den Sozialstaat Bundesrepublik nachhaltiger verändern als die Legalisierung harter Drogen.

Die Einrichtungen der Drogenhilfe - Fixercafés, Therapiezentren und Beratungsstellen - werden in Hamburg, wie überall in der Bundesrepublik, meist von freien und gemeinnützigen Trägervereinen betrieben. Deren Kosten werden von der Sozialbehörde über pauschale Zuwendungen erstattet - im vergangenen Jahr 13,2 Millionen Mark. Und von eben diesem Finanzierungsmodus sollen sie jetzt Abschied nehmen. Vom 1. Januar an müssen die Trägervereine erstmals einzelne, tatsächlich erbrachte Leistungen mit der Sozialbehörde abrechnen. Vom 1. Januar 1999 soll es Geld vom Staat generell nur noch für "klientenbezogene abrechenbare Leistungen" geben.

Drogenhilfe wird nach Bossongs Vorstellungen eine Dienstleistung, für die der Staat die Qualitätsstandards festlegt und regelmäßig überprüft. Die "Produkte" der Sozialarbeit haben sich an der "Kundenzufriedenheit" auszurichten, also daran, ob die Junkies die Angebote akzeptieren oder nicht. Sozialarbeiter konkurrieren also um die Zufriedenheit der Drogenabhängigen.

Umstritten ist, ob dies die Stellung der Bedürftigen stärkt, wie Bossong hofft, oder ob das genaue Gegenteil einritt, daß nämlich die schwierigsten Fälle von der Sozialarbeit künftig links liegengelassen werden. Dies befürchten jedenfalls Bossongs Kritiker.