London

Die intensive Liebesaffäre der britischen Öffentlichkeit mit dem jugendlichen Labour-Parteichef geht weiter. Atemberaubend sind die Umfrageergebnisse für Blair und seine "New Labour". Da bleibt den Tory-Strategen nur eine Hoffnung: Vielleicht ist doch noch Verlaß auf Labours selbstzerstörerische Tendenzen.

Der Parteikongreß in dieser Woche, er findet im Seebad Brighton statt, wird jedenfalls kein reines Jubelfest werden. Während des glutheißen Sommers, den Blair samt Familie in der Toskana verbrachte, grummelte es vernehmlich. Mit perfektem Timing hatte ein Unbekannter aus der unmittelbaren Umgebung des Labour-Chefchefs ein internes Strategiedokument heraussickern lassen - just am Tag seiner Rede vor einem äußerst skeptischen Gewerkschaftskongreß. Die Kernaussage des Papiers - Labour sei noch nicht regierungsfähig, die Revolution der Partei unvollendet - provoziert alle: die Erneuerer wie die Traditionalisten und viele Gewerkschafter. So uneinig sie sein mögen, die permanente Reform von Partei und Programm haben sie satt. Und die Empfehlungen des Dokuments - noch mehr Macht dem Parteichef, Zentralisierung aller wichtigen Entscheidungen in seinem Führungsstab - schienen zu bestätigen, was Blairs Widersacher behaupten. Da säßen zu viele smarte Eierköpfe im Büro des Labour- Chefs, "die nicht einmal den Namen eines einzigen Gewerkschaftsführers kennen"; sie hätten die Macht in der Partei an sich gerissen und würden selbst prominente Mitglieder des Schattenkabinetts ausbooten. Die Prügel für die Mannschaft, insbesondere für den gerissenen Medienmanipulator und Wahlkampfstrategen Peter Mandelson, gelten natürlich dem Parteiführer selbst.

"Ich führe meine Partei", hatte Blair John Major bei einem Rededuell im Unterhaus vor der Sommerpause zugerufen, "Sie folgen Ihrer!" Die Labour-Fraktion amüsierte sich köstlich. Manche sind inzwischen weniger begeistert. Denn der 42jährige Anwalt hat Labour in den vierzehn Monaten seiner Amtszeit eine Menge zugemutet. Er peitscht seine Partei voran, gestattet ihr weder Atempause noch viel Zeit zum Widerspruch. "Du wirst nie wieder soviel Macht haben wie jetzt, nutze es aus", soll der frühere Labour-Chef Neil Kinnock gesagt haben. Blair jedenfalls handelt entsprechend. Strukturen, die ihn hemmen, bricht er auf. Was er ankündigt, wird gemacht. Er führt, indem er die Partei ständig herausfordert. Auf Empfindsamkeiten und Traditionen nimmt er keine Rücksicht. Den Gewerkschaften, Ziehväter und Geldgeber von Labour, teilte er kühl mit, er wolle ihren Einfluß auf die Partei baldmöglichst ganz beseitigen. Die Trade-Unions, "Interessenverbände wie andere auch", könnten auf eine Vorzugsbehandlung durch eine von ihm geführte Regierung nicht rechnen. Wie er die berühmt-berüchtigte "Clause 4" der Labour-Verfassung beseitigte, werden manche Parteiaktivisten und Gewerkschaftsfunktionäre ihm nie verzeihen. Ihren Widerspruch gegen den Verzicht auf umfassende Verstaatlichung überwand er, indem er die Mitglieder mobilisierte - und damit zugleich ihre Behauptung Lügen strafte, sie seien die wahren Repräsentanten der Basis.

Tony Blair ist eine eigentümliche Figur: Eine Mischung aus Machtmensch und Moralist, ein Pragmatiker, der das Feuer eines Ideologen besitzt. So ausgeprägt sein Selbstbewußtsein ist - Eitelkeit oder Arroganz mögen ihm nicht einmal seine Kritiker vorwerfen. Er ist ein Sprößling aus der gutbürgerlichen middle class, der auszog, Labour und die Linke zu retten. Labours Aussagen zu Wirtschaft, Steuer, Erziehung, Gesundheit, Reform des Wohlfahrtsstaates und Verbrechensbekämpfung sind nicht mehr wiederzuerkennen. In fast jedem Bereich hat Blair versucht, eine Synthese zu erreichen zwischen den Reformansätzen der frühen Thatcher-Jahre und einem modernen Sozial-ismus. (Blair benutzt diesen Trennungsstrich.) Wo die Politik der Tories Vernünftiges schuf, übernehmen wir's, was sich als schlecht erwies, machen wir anders, lautet sein Credo. Er verabscheut das Ritual, dem politischen Gegner totales Scheitern zu unterstellen. Folgerichtig seine Komplimente für Margaret Thatcher ("eine Radikale, keine Tory"), deren Überzeugungskraft und Prinzipientreue ihn beeindrucken; sogar Erfolge bescheinigt er ihr - die Gewerkschaftsreform etwa, die Förderung von Unternehmensgeist und das Aufbrechen von Privilegien.

Blair weiß, daß gerade jene Wähler, die Labour braucht, um wieder regieren zu können - die Aufsteiger aus der Arbeiterklasse, die professionellen Mittelschichten - abgeschreckt werden von Tiraden, die sechzehn Jahre Tory-Herrschaft in Bausch und Bogen verdammen. Gewiß, das neokonservative Konzept ist zutiefst diskreditiert: durch einen rücksichtslosen Laisser-faire-Kapitalismus, durch gierige Bosse in den privatisierten Monopolen, durch einen deregulierten Arbeitsmarkt, auf dem bis tief hinein in die Mittelschichten Zukunftsangst grassiert. Aber die Mehrheit der Briten will auch keine Rückkehr zu den chaotischen Zeiten, in denen ungebändigte Gewerkschaften das Land lahmlegten.

Der erfrischende Freimut, mit dem Tony Blair die Fehler der eigenen Partei eingesteht, das Fehlen parteipolitischer Verbohrtheit, hat ihm die Verachtung erspart, die der Politik und den Politikern entgegengebracht wird. Binnen kürzester Zeit ist er zu einer nationalen Figur aufgestiegen. Und die Modernisierung einer abgetakelten Partei wurde zu einem Schauspiel, das nicht nur die Briten fasziniert verfolgten.