Die Erfindung der KindheitSeite 2/2
Picasso war kein fürsorglicher Vater fürs Leben, sondern ein fabelhafter Papa auf Zeit, ein kannibalistischer Künstler und rachsüchtiger Liebender. Kinder, an und mit denen der Künstler nichts mehr entdecken konnte, interessierten ihn nicht mehr. Kinder, die selbständig werden wollten oder, und sei es auch nur auf dem Umweg über die Mutter, Ärger machten, wurden vom Vater verbannt. Paulo verschwand mit seiner Mutter und dem Harlekinskostüm aus Picassos Blickfeld. Maya, die sich heute so liebevoll des berühmten Papas erinnert, inklusive des Verveine-Tees, der am Abend von allen getrunken werden mußte, erntete Zorn und Verbannung, als sie mit zwanzig Jahren ihr eigenes Leben beginnen wollte. Claude und Paloma mußten dafür büßen, daß ihre Mutter es gewagt hatte, Picasso zu verlassen, und das auch noch der Welt per Buch bekanntgab. Nur ihm stand es zu, Menschen im allgemeinen und Frauen im besonderen den Laufpaß zu geben. Maya hat ihren Vater nie wieder gesehen, sie und Claude und Paloma durften ihn nicht besuchen, als es auf das Ende zuging.
Am Eingang der Ausstellung ist ein großes Photo montiert, das Picasso zeigt, der aus einer Sänfte herausschaut. Vorn und hinten Claude und Paloma als Kinder. Es ist eines jener Photos, die man auf Jahrmärkten machen lassen kann. Picassos Kinder haben dem Künstler-Vater mehr gegeben als einen Einblick in die Welt der Kinder. Als sie erwachsen wurden, waren sie zu klein für ihn. (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen bis zum 3. Dezember; vom 16. Dezember bis zum 10. März 1996 Staatsgalerie Stuttgart; Katalog an der Museumskasse 39,- DM, im Buchhandel 78,- DM)
- Datum 29.09.1995 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 40/1995
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