In der kommenden Woche tritt in Potsdam der 50. Deutsche Geographentag zusammen. Auf dem alten Filmgelände in Babelsberg diskutieren Hochschulprofessoren, Schulgeographen und Diplomgeographen aus Wirtschaft und Verwaltung unter dem Motto "Aufbruch im Osten - Umweltverträglich, Sozialverträglich, Wettbewerbsfähig". Doch dem breiten Publikum zu erklären, was Geographie überhaupt ist, damit hat die Zunft ihre Schwierigkeiten.

Nicht selten dominieren Schulerinnerungen an seitenweise auswendig gelernte Hauptstadtnamen oder metergenaue Längen- und Höhenangaben von Flußläufen und Gebirgszügen. Derartiger "Erdkundeunterricht" machte vielleicht seinem Namen Ehre, nicht jedoch der Geographie als Wissenschaft. Selbst Studenten im dritten oder vierten Semester haben oft noch Schwierigkeiten, eine klare Antwort auf die Frage "Was ist Geographie?" zu geben. Und wenn ich mich jemandem als Geographin vorstelle, rufe ich meist nur erstaunte Verwunderung hervor. Während Mediziner oder Juristen nach ihrem Spezialgebiet gefragt werden, muß ich erläutern, was denn die Geographie als Ganzes für eine Wissenschaft ist.

Das öffentliche Interesse an der Geographie blühte vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, was sich auch in der Gründung zahlreicher geographischer Gesellschaften niederschlug - so die Société de Géographie de Paris 1821, die Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin 1828, die Royal Geographical Society, London, 1830, die Imperial Russian Geographical Society, St. Petersburg, 1845, American Geographical Society, New York, 1851.

In den meisten Ländern verblaßte das öffentliche Bild der Geographie indes wieder. Insbesondere deutsche Geographen mieden nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst einmal die Öffentlichkeit - noch allzu lebendig waren die bösen Erinnerungen an die nationalsozialistische "Geopolitik" und ihr Motto "Volk ohne Raum". Bald brachten auch Intellektuelle Wilhelm und Alexander von Humboldt durcheinander und verwechselten den Begründer der neuzeitlichen Geomorphologie, Ferdinand von Richthofen, mit seinem Namensvetter Manfred, dem "Roten Baron", Kampfflieger im Ersten Weltkrieg.

Zu einem Aufschwung des Fachs kam es hierzulande erst wieder in den sechziger Jahren, nämlich im Gefolge der quantitativen Revolution in den Sozialwissenschaften. Die technische Möglichkeit, riesige Datenberge per Computer zu verarbeiten, sollte neue geographische Wahrheiten hervorbringen. Eine rege Sammel- und Befragungstätigkeit setzte ein, sie häufte beispielsweise Angaben über Busverbindungen und Fahrtfrequenzen in Zentralguatemala und Daten über Pendlerströme in Oberfranken aufeinander. Wer sollte das alles auswerten - oder auch nur ein zweites Mal anschauen?

Auch die quantitative Geographie war bereits wieder Geschichte geworden, als ich anfing, mich mit geographischen Themen zu beschäftigen. Zur objektivistischen Geographie der sechziger und siebziger Jahre gesellte sich eine subjektiv orientierte, am Verhalten der Menschen im Raum interessierte Wissenschaft. Mit der sogenannten Verhaltensgeographie und ihrer späteren Weiterentwicklung zur humanistischen Geographie gegen Ende der achtziger Jahre, in der das Tun und die Lebenswelt der Menschen zentrales Untersuchungsobjekt wurden, vollzog sich erneut ein thematischer Sprung.

Dieser rasche Wechsel der Perspektiven ist eher für Sozial- als für Naturwissenschaften typisch. Und eine Naturwissenschaft ist Geographie nicht. "Geographie beschreibt, erfaßt und erklärt die Erdoberfläche in ihrem Ganzen und in ihren Teilen in Struktur, Funktion, Genese und Prozeß." Das sagte zumindest mein alter Professor Adolf Karger in Tübingen immer, wenn ein Student nicht schnell genug auf die "Was ist"-Frage antworten konnte. Die Geographie umfaßt sowohl natürliche Aspekte wie Klima, Boden, Vegetation als auch anthropogene Phänomene wie Städte, ländliche Siedlungen, Wirtschaft, Verkehr. Ihr Gegenstandsbereich wird dadurch so weitläufig, daß eine beschreibende Formel fast unmöglich wird.