Die Union ist auf der Höhe der Macht, unangefochten, ohne Gegner. Und doch gibt es Leute, die eine andere Union wollen. Peter Müller ist einer davon. In zehn Jahren, prophezeit der CDU-Oppositionsführer im saarländischen Landtag, werde man es mit einer "völlig veränderten Partei" zu tun haben. Darauf freut er sich schon jetzt, so als sei das eine ausgemachte Sache. Müller versprüht Optimismus. Was er sonst noch mitbringt? Er ist machtbewußt, versteht es, sich gegen innerparteiliche Konkurrenten durchzusetzen, und verfügt über einen frechen Offensivgeist gegenüber Ministerpräsident Oskar Lafontaine. Ihn will er beerben.

Peter Müller, Einserjurist und Wehrdienstverweigerer, Jahrgang 1955, ist einer der jungen CDU-Fraktionschefs in den Ländern, die als reformfreudige Führungsreserve der Partei gelten: Nach Niederlagen und Machtverlust, etwa im Saarland, in Niedersachsen oder in Rheinland-Pfalz, sind ganze Führungsmannschaften von der politischen Bühne geflohen. Da ist Verjüngung fast zwangsläufig. Vorläufige Bilanz dieser biologischen Erneuerung an der Spitze der Fraktionen: Peter Müller (40) im Saarland, Christian Wulff (36) in Niedersachsen, Roland Koch (37) in Hessen, Christoph Böhr (41) in Rheinland-Pfalz, Ole von Beust (42) in Hamburg, Günther Oettinger (41) in Baden-Württemberg und Ronald-Mike Neumeyer (34) in Bremen.

Auch auf Bundesebene hat Helmut Kohl mit Matthias Wissmann, Angela Merkel, Claudia Nolte und Jürgen Rüttgers die Nach-68er-Garde etabliert. Kohls Generationsfreunde aus den ersten Regierungsjahren sind, bis auf Norbert Blüm, längst im Ruhestand, das Durchschnittsalter im Kabinett liegt niedriger als zu Beginn der Kohlschen Kanzlerschaft.

In der Bonner Fraktion der Union zählt man doppelt so viele Abgeordnete unter vierzig Jahren wie bei der SPD. Soweit darin eine Aussage über die Zukunftsfähigkeit liegt, ist sie traurig für die Sozialdemokraten. Denn politischer Nachwuchs aus der Generation nach den 68ern ist bei ihr Mangelware - in Bund und Ländern. Sozialdemokraten spielen denn auch bei parteiübergreifendem Meinungsaustausch der parlamentarischen Neulinge kaum eine Rolle. Hingegen treffen die jungen CDU-Vertreter im Bundestag sich schon mal mit Altersgenossen von den Grünen zum Politplausch mit Pizza.

Machen die Neuen auch die Partei neu? Behutsam, vorsichtig gehen sie zu Werk. Der Mainzer CDU-Fraktionschef Christoph Böhr, der einst als Vorsitzender der Jungen Union dafür garantierte, daß die Nachwuchsgruppe im Kohl-Geißler-Streit neutral blieb, beschreibt die Reformarbeit seiner Generation mit der Übersicht des Jungroutiniers. Jeder Landespolitiker habe zu Hause Kärrnerarbeit zu leisten, man tausche sich aus, in unregelmäßigen Abständen. Aber Karrieresprünge plane keiner, und vor allem gebe es "keine großen Strategiedebatten. Da wird nicht philosophiert über 98 folgende." Christoph Böhr ist überzeugt: Erstens stehe die Union vor gewaltigen Veränderungen; zweitens: Wer glaube, die Partei "konservieren" zu können, habe sich aus der Zukunft schon ausgeklinkt. Also, drittens, die Kardinalfrage: Will man diese Veränderung "treiben und steuern"? Man will. Freilich, im Moment "kann das nicht die Aufgabe sein". Böhr ist ambitioniert und vorsichtig. Und am Ende doch bloß eine Maxime, bei der man wenig falsch machen kann: Die andere CDU müsse sich "in Kontinuität entwickeln".

Über nichts freuen sich die Jungkonservativen mehr als über das kleine Neue, in dem die große Veränderung angelegt scheint. Die saarländische CDU-Fraktion etwa hat einen Abschiebestopp für Kurden beschlossen. Kichernd erzählt Peter Müller, der Frauenanteil in seiner Fraktion liege mit 39 Prozent deutlich über dem der Grünen. Hier und da gibt es einen kritischen Entschließungsantrag zu den französischen Atomtests - eingebracht gemeinsam mit den Grünen. Die Junge Gruppe im Bundestag fordert, die Deserteure der Wehrmacht endlich zu rehabilitieren und auch außerhalb der Expertenrunden über eine Reform des Staatsbürgerschaftsrechts in der Fraktion zu debattieren. Aber wird an solchen quer zur Mehrheit liegenden Facetten schon die künftige, die andere Partei sichtbar?

Die nachwachsende Führungsgeneration versucht jedenfalls, eingefahrene Bahnen der Parteidiskussion zu verlassen. Sie unterscheidet sich von den Altvordern nicht nur im lockeren Habitus. Auch ihr Problembewußtsein ist anders entwickelt und führt sie weg von der immer wieder kritisierten "Nabelschau". Unter den jüngeren Christdemokraten diskutiert man, ohne große Rücksicht auf Tabubedürfnisse der Oberen, über Migration, Entwicklung, die Verantwortung des Nordens und die Weltgesellschaft. Günther Oettinger, geschickter Manager der großen Koalition in Stuttgart, loyal zu seinem Ministerpräsidenten Teufel, offen gegenüber den Grünen, fordert, daß künftig jede Entscheidung daran gemessen wird, ob sie die Globalisierung von Wirtschaft und Politik berücksichtigt. Böhr will die Förderung der "Luxusmodernisierung" im Westen kappen und die so frei werdenden Mittel für den europäischen Ost-West-Ausgleich einsetzen. Das sind keine Programmsprünge, aber doch neue Akzente.