Seit seinen Anfangserfolgen bei der Heilung des Gesundheitswesens gilt Bundesminister Horst Seehofer als eine Art Wunderdoktor. Jetzt will er ein weiteres Leiden des deutschen Sozialstaates kurieren: die rasant steigenden Sozialhilfeausgaben für die Ärmsten in der Gesellschaft. Doch Armut läßt sich nicht so einfach beschneiden wie ein Arzthonorar - erst recht nicht, wenn Minister Seehofer das Skalpell an der falschen Stelle ansetzt.

Seine Reform des Sozialhilferechts zielt vor allem darauf ab, arbeitsfähige Hilfeempfänger wieder in Lohn und Brot zu bringen. Wer willig ist zu arbeiten, den will er angemessen fördern - wer sich weigert, bekommt zur Strafe die Stütze gekürzt. Vorgesehen sind Zuschüsse an die Betroffenen und ihre Arbeitgeber, ergänzt durch berufliche Weiterbildungsangebote.

Das ist längst nicht so vernünftig, wie es sich zunächst anhört. Seehofer unterstellt nämlich, daß viele Sozialhilfeempfänger das Geld zu Unrecht beziehen, weil sie durchaus arbeiten können, aber nicht wollen. Doch wie unberechtigt dieses alte und weitverbreitete Vorurteil ist, müßte eigentlich dem Minister bekannt sein. Ernsthafte Untersuchungen zu diesem Thema kommen immer wieder zu dem gleichen Schluß: Mißbrauch von Sozialhilfe kommt vor, jedoch in einem wesentlich geringeren Ausmaß, als die meisten Politiker befürchten.

Schon ein Blick auf die offizielle Statistik zeigt, daß es am Rande der Gesellschaft nicht von arbeitsscheuem Gesindel wimmeln kann: Weit mehr als sechzig Prozent aller Sozialhilfeausgaben gehen an Behinderte und chronisch Kranke. Vom Rest des Geldes entfällt ein erheblicher Teil auf Kinder, Rentner und alleinerziehende Mütter. Häufig muß Sozialhilfe auch an Erwerbstätige gezahlt werden, weil der Lohn zum Leben nicht ausreicht.

Lediglich zwölf Prozent aller Sozialhilfeausgaben beziehen Arbeitslose. Und auch das sind längst nicht alles Drückeberger. Viele von ihnen sind krank, haben keine Wohnung oder sind schlicht zu alt, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu bekommen. Und diejenigen, die wirklich arbeitsfähig sind, beziehen in aller Regel nur vorübergehend - häufig nur für ein paar Monate - Geld vom Sozialamt. Sie finden allein den Weg zurück ins normale Leben.

Für Seehofers Programm zur Arbeitsförderung bleiben da nur sehr wenige übrig. An den Problemen der meisten Sozialhilfebezieher geht die Reform vorbei. Dabei könnte vielen von ihnen durchaus geholfen werden. Durch die Einführung von Mindestrenten zum Beispiel - damit ältere Menschen, vor allem Frauen, neben ihrem Ruhegeld nicht auch noch auf Hilfe vom Sozialamt angewiesen sind. Oder durch mehr öffentlichen Beistand für kinderreiche Familien - damit das Arbeitseinkommen mancher Väter nicht noch vom Sozialamt aufgestockt werden muß.

Doch anstatt nach den Ursachen sozialer Not zu fragen, doktert Horst Seehofer am Sozialhilferecht herum. Offenbar plagt auch ihn "die ewige Angst, betrogen zu werden und das Laster zu unterstützen", die Emile Zola in seinem Roman "Germinal" so treffend beschreibt. Doch das Sozialhilferecht mag noch so unattraktiv, die Strafe für Arbeitsverweigerung noch so hoch sein - es ändert nichts an der beschämenden Tatsache, daß in einem der reichsten Länder der Erde, einem Land mit einem aufwendigen und teuren Sozialversicherungssystem, immer mehr Menschen in Armut leben müssen.