Ein Jahr vor dem Abitur hatte Andrea Stokvis ihr Schlüsselerlebnis. Sie wollte Betriebswirtschaft an der Universität Köln studieren und besuchte eine Einführungsvorlesung: "Bei tausend Studenten blieb nur noch ein Platz auf den Treppenstufen", erinnert sich die junge Frau aus Orsoy am Niederrhein mit Schrecken. Ein heilsamer Schock, findet sie heute. Denn mit mittlerweile 22 Jahren hat sie nicht nur einen Abschluß als Betriebswirtin, sondern es liegen auch drei Jahre Berufspraxis und drei Jahre Studium hinter ihr. Sie gehört damit zur seltenen Spezies von Bewerbern, die die Anforderungen der Arbeitgeber übererfüllen. Dennoch ist Andrea Stokvis kein Wunderkind. Sie verbrachte ihre Studienzeit nicht in den überfüllten Hörsälen von Universität oder Fachhochschule. Sie lernte an der staatlichen Berufsakademie Baden-Württemberg in Mannheim, parallel zu ihrer Ausbildung bei der BASF.

Die Berufsakademie - für den Bildungsexperten des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Wolfgang Kramer, ist sie die "schnelle, praxisnahe und kostengünstige Alternative zur Hochschule". Für Horst Kowalak, Abteilungsleiter Bildung beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), verkörpern diese Institutionen hingegen "den Trend von der allgemeinen Bildung zur Ausbildung im Dienste der Betriebe".

Staatliche Berufsakademien gibt es in Baden-Württemberg und inzwischen auch in Berlin und Sachsen, private Akademien, die meist von Kammern oder Kommunen getragen werden, in verschiedenen anderen Bundesländern. Beide Varianten bilden vor allem Betriebswirte aus, und beide werden stark von der deutschen Wirtschaft finanziert.

Typisch für die Ausbildung der Berufsakademien ist die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Nur diejenigen, die auch einen Ausbildungsvertrag mit einem Unternehmen abgeschlossen haben und dort Gehalt beziehen, bekommen einen Platz an der Akademie. Die dreijährige Ausbildung wird in Blöcken absolviert, je zur Hälfte in kleinen Klassen an der Hochschule und in den Unternehmen. Semesterferien gibt es nicht, die Studenten haben Tarifurlaub. Für die Nachbereitung des Lehrstoffes und die Klausurvorbereitung müssen die Wochenenden herhalten. Professor Hans-Joachim Windel, Direktor der staatlichen Berufsakademie in Mannheim, ist daher überzeugt: "Unsere Absolventen liefern schon während der Ausbildung den Beweis, daß sie überdurchschnittlich belastbar sind."

In Baden-Württemberg haben die Akademien mittlerweile Tradition, immerhin gibt es sie seit 1974. Fast die Hälfte aller im Ländle ausgebildeten Ökonomen kommen inzwischen von der Berufsakademie, deutlich mehr als von Fachhochschule oder Universität. Über 12 000 Studenten absolvieren dort ihre Ausbildung, 4500 Unternehmen schicken ihre jungen Mitarbeiter inzwischen an eine Berufsakademie. Kleinunternehmen, die nur alle zwei Jahre einen Kandidaten einstellen, sind ebenso dabei wie die Großkonzerne Daimler-Benz, Bosch oder IBM mit hundert und mehr Plätzen. Durchschnittlich wenden die Unternehmen 100 000 Mark für die dreijährige Lehr- und Studienzeit auf. Eine Investition, die sich nach Meinung von Klaus Pawlek, Leiter der Berufsausbildung bei IBM, durchaus lohnt: "Universitätsabgänger müssen bis zu zwei Jahre eingearbeitet werden, Absolventen der Berufsakademie sind im professionellen Bereich nahezu direkt einsetzbar."

Daß die baden-württembergischen Unternehmen die Absolventen schätzen, liegt an mehreren Faktoren. Zum Beispiel an der Auswahl der Kandidaten. Zum Studium werden nur Abiturienten zugelassen, die die Unternehmen bereits unter einer großen Bewerberzahl aussortiert haben. Der Aufwand dabei ist groß - von schriftlichen Tests über Auswahlgespräche bis hin zu Assessment-Centern. Außerdem haben die Unternehmen auch während der Ausbildung starken Einfluß auf Lehr- und Lerninhalte. "An den Berufsakademien gelten wir als gleichberechtigte Partner", resümiert Pawlek. Die Unternehmen sind in den Aufsichtsgremien vertreten und stellen Lehrbeauftragte; die Professoren kommen zu Absprachen zuweilen sogar in den Betrieb.

"Von der engen Anbindung profitieren beide Seiten, Unternehmen und Auszubildende", sagt Volker Göbel, Leiter der Personalentwicklung bei Mercedes-Benz, und verweist auf die guten Einstellungschancen der Absolventen. In den vergangenen 20 Jahren wurden 85 Prozent der Betriebswirte bei Mercedes-Benz übernommen - für das gleiche Gehalt wie Fachhochschüler. Auch die Aufstiegschancen der Berufsakademiker sind, laut Göbel, gut: "Zwei Drittel bekleiden nach sechs Jahren Berufstätigkeit Führungspositionen, bei Fachhochschülern und Universitätsabgängern liegt die Quote kaum höher."