ZEIT: Herr Hundt, Herr Riester, die Arbeitszeitverkürzungen der vergangenen zehn Jahre haben bei den Unternehmern Unmut über die Tarifpolitik geschürt. Viele haben den Verband verlassen. War die 35-Stunden-Woche Ihr größter Fehler?

Hundt: Eindeutig ja. Wir sind einen falschen Weg gegangen, den wir teuer bezahlen müssen.

Riester: Die Alternative wäre gewesen, daß noch mehr Menschen keine Arbeit hätten. Im übrigen sind wir beim Beschäftigungssicherungsvertrag 1994 gemeinsam und ohne Zwang den Weg gegangen, die Arbeitszeit weiter auf bis zu dreißig Stunden abzusenken. Ihr Dachverband, Herr Hundt, hat festgestellt, daß dies 50 000 Arbeitsplätze gesichert hat. Deshalb wundert es mich, daß Sie heute sagen, das war der größte Fehler.

Hundt: Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Für die Arbeitszeitverkürzung vom 1. Oktober und die Stufen davor gibt es vollen Lohnausgleich. Im Rahmen des Beschäftigungssicherungsvertrages haben wir dagegen Arbeitszeitverkürzungen mit Lohnabsenkung vereinbart, und dies hat eine entsprechende Wirkung gehabt. Ich widerspreche Ihnen sehr nachhaltig, Herr Riester: Ich meine nicht, daß die Zahl der Arbeitslosen größer wäre, wenn wir die Arbeitszeit nicht verkürzt hätten. Unsere Arbeit wäre billiger, wir hätten mehr Aufträge und könnten mehr Menschen beschäftigen.

Riester: Das ist eine Milchmädchenrechnung. In den Jahren der Arbeitszeitverkürzung gab es deutlich geringere Lohnerhöhungen.

Hundt: Es ist ganz leicht zu zeigen, daß in dem Zeitraum, in dem in der Metall- und Elektroindustrie die Arbeitszeit verkürzt wurde, die Summe der Lohnerhöhungen nicht niedriger war als in anderen Branchen.

Riester: Das ist einfach falsch.