Das Abenteuer einer traumhaften Begegnung oder: Die plötzliche Wandlung einer gelangweilten Frau. Den ganzen Tag über ist sie mit einem fremden Mann zusammengewesen, zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit vor nahezu zwanzig Jahren - im Auto, redend und rauchend, in der Sonne an der Roseman Bridge, schließlich beim Abendessen mit Bier und Brandy. Nachdem er dann gegangen ist, kleidet sie sich langsam um, geht hinaus auf die Terrasse und öffnet ihr Hauskleid. Sie schließt die Augen und streckt ihren nackten Körper dem Wind entgegen. Dabei faßt sie den Entschluß, ihn auch amnächsten Tag einzuladen. "Ich ging hinaus zum Haselwald, weil mir im Kopf ein Feuer ging."

Clint Eastwood eint alltägliche Ereignisse und wunderlichste Situationen wie im Märchen - aber mit einem solch ruhigen, geduldigen Blick darauf, als ginge es um die selbstverständlichste Sache der Welt. Sein Film soll Melodram und Liebespoem in einem sein.

Ein Mann und eine Frau: der weitgereiste Photograph Robert Kincaid und die Bauersfrau Francesca Johnson. Durch Zufall kommt er zu ihrer abgelegenen Farm in Winterset, Iowa. Durch Zufall ist ihre Familie gerade verreist, erstmals seit Jahren. Durch Zufall findet sie Zeit, ihm den Weg zu zeigen zu einer alten, versteckten Holzbrücke, von der er Bilder machen soll für die Zeitschrift National Geographic. Danach lädt sie ihn zum Eistee ein, schließlich auch zum Dinner. Sie schauen, reden, lachen. Am nächsten Tag wissen sie, daß sie füreinander bestimmt sind. "Genau deshalb bin ich hier auf diesem Planeten und zu genau dieser Zeit, Francesca. Nicht um zu reisen und Bilder zu machen, sondern um dich zu lieben."

Die spontane Erregung und die lustvolle Hingabe, der große Zufall und das tiefe Gefühl: vier zentrale Momente des Melodrams im Kino. Alles ist aufs äußerste reduziert. Die Welt als Tummelplatz für überwältigende Begegnungen. Das Leben vor allem als Chance zu lieben, nichts anderes als zu lieben. Omnia amor. Wobei die Liebe als Mythos und Traum zugleich wirkt. So nahe kommen die Helden dem Paradies, daß sie darüber dem anderen schnell die Hölle bereiten. Der Liebende, sagt Roland Barthes, bejaht die Liebe als Wert für sich. "Die Macht der Liebe läßt sich nicht delegieren, sie bleibt da, verzaubert, unheilbar."

Clint Eastwood, der versteinerte Fremde ohne Namen in Western, der brutale dirty cop in Polizeifilmen, wagt erstmals eine romantische Geschichte. In subtilen Bildern, die sein Kameramann Jack N. Green überwiegend in gelb-braunen Farben einfing, erzählt er von der großen Leidenschaft, die für Robert und Francesca ein ganz anderes Leben öffnet. Sie entdeckt erstmals, daß Männer beim Kochen helfen, nicht nur "über das Wetter und die Agrarpreise, über Geburten und Beerdigungen", sondern auch über Yeats reden und die Fliegentür leise schließen können. Er entdeckt, daß Frauen das Feuerzeug gegen den Fahrtwind schützen, beim Lachen die Beine hochwerfen, Brandy trinken, poetisch zum Dinner laden können, wenn weiße Nachtfalter wach werden. Eastwood zeigt, wie die beiden ihre Welt neu kennenlernen, indem sie zulassen, was sie spontan im Innersten bewegt. "In einem Universum voller Zweideutigkeit begegnet einem eine derartige Gewißheit nur einmal und dann nie wieder, egal wie viele Leben man hat."

Bei ihrem ersten Essen fragt er sie, ob sie gerne in Iowa lebe. Sie antwortet, mit Zögern: Ja, es sei ruhig, in der Stadt könne man sein Auto unverschlossen lassen, die Leute seien wirklich nett, und um frei herumlaufende Kinder müsse man sich keine Sorgen machen. Aber? Aber es sei nicht das, was sie sich als Mädchen erträumt habe. Dieses Geständnis, das sie bislang sich nicht einmal selbst gegenüber zu äußern wagte, bricht das Eis zwischen ihnen. Er schaut sie noch interessierter an, ihre Schultern, ihren Hals, ihre Beine. Sie blickt noch ungenierter zurück. Als die beiden sich später näherkommen, hört man aus dem Radio: All my dreams come true / It doesn't matter where you are / Because I can see / . . . / I close my eyes / And there you are. Always.

Eastwoods Film steht in einer langen Tradition des Kinos, die Begegnung zwischen Mann und Frau melodramatisch zu überhöhen - von "Peter Ibbetson" (von Henry Hathaway) und "Stürmische Höhen" (von William Wyler) bis "Love Story" (von Arthur Hiller), von "Ein Leben lang" (von Gustav Ucicky) und "Zu neuen Ufern" (von Detlef Sierck) bis "Rheingold" (von Niklaus Schilling). Das Knüpfwerk hinter dem konkreten Geschehen folgt stets dem gleichen Muster: Je tiefer die Bindung der Liebenden, desto stärker die Rührung im Augenblick des Scheiterns, sei es durch Krankheit oder Tod, durch Trennung oder Abkehr verursacht. Dabei wird das Tun der Helden eher vom Schicksal, nicht vom eigenen Willen bestimmt. In "Anna Karenina" (von Clarence Brown) sieht man, wie wenig es Greta Garbo nutzt, die große Liebe zu leben. Bei Eastwood nun der Gegenentwurf. Es wird klar, daß es Meryl Streep auch nichts hilft, der großen Liebe abzuschwören. Da und dort: nur Schmerz und ewiges Leid.