Die Goldfische haben ihre Jungen aufgefressen." Im ersten Satz des Romans steckt bereits sein ideelles Programm - und sein Dilemma. Die fünfzigjährige Niederländerin Anna Enquist, die nach drei erfolgreichen Gedichtbänden für "Das Meisterstück" gleich den Preis für den besten Erstlingsroman erhalten hat, liefert uns eine Serie eindrucksvoller Portraits aus der materiell gesättigten, neurosengeplagten und kunstbeflissenen holländischen Mittelschicht. Das Personal rund um die Familienruine der Steenkamers ist durchweg schwer gebeutelt von Scheidungen, Sinn-, Sex- und Emanzipationskrisen, und alle bosseln und feilen sie unentwegt an ihrer Persönlichkeit und an ihrem Lebensstil.

Anna Enquist hat eine gute Hand für Frauen und signifikante Kleinigkeiten: Die Steenkamer-Freundin Lisa, aus deren Perspektive ein Gutteil des Romans erzählt ist, wird durch ihren Umgang mit Pullovern, Wanderschuhen und Waldbrombeeren plastischer charakterisiert als durch ihre vergangenen Liebesgeschichten. Über Alma, die gebrechliche und leicht verwahrloste Mutter von Johan und Oscar Steenkamer, erfahren wir durch eine Sitzung beim postmodernen Haardesigner mehr als durch die symbolisch aufgeladenen Familientreffen. Und Ellen, Johans geschiedene Frau, ist in ihrem Leid die glaubwürdigste Gestalt des ganzen Romans.

Die Männer jedoch, zumal der forsche Maler Johan und der bedächtige Kunsthistoriker Oscar, sind ihr ins Seicht-Symbolische verrutscht. Ihre Portraits werden nicht aus der Lebenssituation entfaltet, sondern aus einem konstruktiven Plan deduziert. Als Kinder wurden sie von ihrem Maler-Vater verlassen, nicht ohne noch einen letzten Gewissensauftrag von ihm empfangen zu haben. Ihr Leben ist nun die Erfüllung dieses väterlichen Auftrags bis zu dem Punkt, rund vierzig Jahre später, an dem das Trauma in einer Familienkatastrophe explodiert. Bei einer Ausstellung des erfolgreichen Johan, dem Höhepunkt des Romans, taucht der verlorene Vater in Gestalt eines seiner Gemälde wieder auf, das dem aktuellen Meisterwerk von Steenkamer junior bis in die Einzelheiten der Fischschuppen entspricht. Die unbewußte Überidentifikation des kreativen Johan hat den Tod des kunstkommentierenden Oscar zur Folge. Und wenn der Leser endlich den tiefenpsychologischen Zusammenhang deklinieren kann, wird auch noch, wie in Hitchcocks Psychothrillern, die traumatische Urszene selbst nachgetragen. - Ja, wir verstehen schon, bei so viel hartherziger Mutter und abwesendem Vater bleibt kein Goldfisch am Leben; will sagen: keine Menschenseele gesund.

"Das Meisterstück" ist im Kern ein theaterfähiges bürgerliches Familiendrama, gewollt tiefsinnig konstruiert, mit einem Schielen zu Ibsen und zu Freud, und schließlich mit narrativem Füllstoff zum Roman verfugt. Bemerkenswerterweise fällt das mittlere der drei Kapitel völlig aus dem bedeutungsschweren Rahmen. Es erzählt ganz schlicht und eindringlich vom Tod der zehnjährigen Tochter von Ellen und Johan. Die kleine Saar stirbt an einem Herzklappenfehler und eben nicht an gebrochenem Herzen. Ohne Psychometaphorik erzählt Anna Enquist einfach besser.

Anna Enquist: Das Meisterstück

Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers; Luchterhand, München 1995; 316 S., 39,80 DM