Als das Buch "Bittere Pillen" 1983 erschien, waren viele Mediziner und Pharmazeuten empört. Vor allem die rigorose Beurteilung gängiger Medikamente brachte sie in Harnisch, immerhin landeten 44 Prozent in der Kategorie "Abzuraten". Alle juristischen Drohungen förderten jedoch nur den Absatz des Buches, inzwischen sind mehr als 1,5 Millionen Exemplare verkauft. In der Jubiläumsausgabe 1993/95 preist sich das Werk auf dem blauen Umschlag so: "Bittere Pillen ist die Bibel zur Verhinderung von Arzneimittelmißbrauch - ein Meisterwerk". Doch trotz solcher Weihen wurde es still um die blaue Bibel - nicht zuletzt weil ihr Bannstrahl "Abzuraten" 1993 nur mehr 24 Prozent aller besprochenen Medikamente traf. Gute Nachrichten verkaufen sich schlecht.

Grund genug für den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, die Goldader der Arzneimittelratgeber mit neuem Schwung zu prospektieren.

Nun präsentiert er eine neue, grün gebundene Bibel, die "Bittere Naturmedizin", nach dem Konzept der "Bitteren Pillen". Mit dem 925 Seiten umfassenden, 49,80 Mark teuren Werk erscheine "jetzt ein neuer kritischer Patientenratgeber, der erstmals umfassende Orientierung im Dschungel der Alternativmedizin" biete.

Leider ist diese Behauptung falsch. Denn es gibt längst einen kritischen Patientenratgeber, der ähnlich umfassende Orientierung im Bereich der Alternativmedizin bietet, und zwar aus solidem Hause: Die Stiftung Warentest vertreibt unter dem Titel "Die andere Medizin" ein 300seitiges Buch, das sich mit Nutzen und Risiken sanfter Heilmethoden fundiert auseinandersetzt (zu beziehen für 39,80 Mark beim Zenit-Pressevertrieb Stuttgart, Tel. 0180/232 13 13). Bemerkenswert ist, daß die beiden Autorinnen des Warentest-Buches, Krista Federspiel und Vera Herbst, auch bei Kiepenheuer & Witsch publizieren. Krista Federspiel kooperiert nämlich mit Hans Weiss, der seinerseits mit Kurt Langbein und dem Spiegel-Redakteur Hans-Peter Martin als Autor der "Bitteren Pillen" zeichnet. Kiepenheuer & Witsch vertreibt auch ein "Kursbuch Gesundheit". Laut Verlag bilden die acht Autorinnen und Autoren des "Kursbuches" "das erweiterte Team des kritischen Arzneimittel-Ratgebers Bittere Pillen". Neben Langbein, Martin und Weiss gehören auch Krista Federspiel und Vera Herbst dazu. Doch statt gemeinsam auch die "Bittere Naturmedizin" zu verfassen, hat sich das Team verkracht. Während früher Langbein und Weiss im Stil der 68er gemeinsam lebten, schrieben und kassierten, befehden sich die altlinken Millionäre nun gegenseitig. Einzig Kurt Langbein steht noch als Koautor auf dem Titel der neuen grünen Bibel (neben Roland Bettschart, Gerd Glaeske, Reinhard Saller und Christian Skalnik). Auf Einspruch von Hans Weiss durfte das neue Buch auch nicht den geplanten Titel "Bittere Pillen der Naturmedizin" tragen - der Begriff Pillen wurde gestrichen.

Was lernen nun die Leser aus dem grünen Kölner Dschungelbuch beziehungsweise aus dem Werk der Warentester(innen) über die Alternativmedizin? Bei der ehemals engen Verwobenheit der Autorenschaft wird es niemanden verwundern, daß beide Bücher in ihren wesentlichen Aussagen nahezu identisch sind.

So verwerfen sie unisono sämtliche alternativen Methoden zur Diagnostik, sei es die Iris-, Zungen-, Elektroneural-, Wünschelruten-, Pendel-, Elektroakupunktur- oder Thermoregulationsdiagnostik. Mehr als ein Dutzend Verfahren werden gewogen und für zu leicht befunden.

Hieraus folgt logischerweise: Wer auch immer an einer Krankheit leidet, der sollte sich zunächst einmal vom "Schulmediziner" gründlich untersuchen lassen. Die Gefahr ist zu groß, daß den sanften Blicken der Alternativheiler die ersten Anzeichen einer bedrohlichen Krankheit entgehen. Erst wenn die klassische Medizin nicht oder nur unbefriedigend hilft, kann das Aufsuchen eines Arztes für Naturheilverfahren, eines Homöopathen, Heilpraktikers oder sonstigen Helfers eventuell Linderung bringen.