BERLIN. - Wohl dem, der in einem Rechtsstaat lebt! Weil Deutschland einer ist - auch für Arme und Ausgestoßene -, kommen Menschen aus aller Welt hierher.

Aber das Recht ist nur ein Mittel zum Zweck. Das Leben im Rechtsstaat ist nicht schon selbst das gute Leben. Der Rechtsstaat ist zudem ein Gesetzesstaat, und wenn er nur das ist, kann er unmenschlich werden.

Was auch immer zur Rechtfertigung der gewaltsamen Abschiebung der sieben Sudanesen am 13. September 1995 gesagt wird - der Vorgang als solcher muß uns alle tief beunruhigen.

Ein Staat, der Menschen, die sein Gebiet verlassen wollen, mit Gewalt daran hindert, begeht Unrecht. Jahrzehntelang haben wir dies der DDR, der Sowjetunion, Nordvietnam und anderen vorgeworfen.

Ein Staat, der Menschen mit Gewalt an einen Ort bringt, an den sie nicht wollen, begeht er ein geringeres Unrecht? Ist das nicht einfach die Kehrseite davon? Daß dieser Ort das Land ist, zu dem sie gehören, macht die Sache um nichts besser. Im Gegenteil. Wer damit argumentiert, erklärt die Menschen zum Eigentum des Staates; er legitimiert eben das, was die Zwangsrepubliken behauptet haben und weiter behaupten.

Kein Gesetz ist ohne Härte, sonst brauchte man es nicht. Wo aber Gesetze zu Maßnahmen zwingen, die dem obersten Gebot unserer Verfassung - der Achtung der Würde des Menschen - und elementarer Menschlichkeit widersprechen, haben wir Anlaß, grundsätzlich über die Ordnungen nachzudenken, die wir uns gegeben haben: Sie sind - wie wir in letzter Zeit mehrfach erlebt haben - buchstäblich gnadenlos.

Was nützt es uns - die wir in einer "vom Christentum geprägten Kultur" zu leben behaupten -, das Symbol des barmherzigen Gottes an die Wände öffentlicher Räume zu hängen, wenn wir die kleine Barmherzigkeit, die uns möglich ist, aus Gesetzesgläubigkeit verweigern? Ich dachte, der Gekreuzigte sollte uns mahnen, daß auch wir Opfer zu bringen haben: das große Opfer für die Rettung der Menschheit (was niemand von uns erwartet), kleinere Opfer dafür, daß einmal Gefolterte nicht wieder in die Hände ihrer Folterer geliefert werden, was auch immer diese heute dem deutschen Botschafter versichern.