Es war einmal. Die Geschichte der Doppelnull. Insignie der Macht unseres allerliebsten Geheimagenten, Herrn Bond. Heute eröffnen zwei Nullen als Vorwahl zu jedem telephonischen oder telefaxenden Auslandskontakt ein ganz anderes Spiel. Mit dem kinderleichten Umweg durchs internationale Netz bedarf es keiner kriminellen Energie und keiner elektronischen Hackerei mehr, um in die Computerwelt des Bundesnachrichtendienstes zu dringen und ein paar feine, falsche Spuren im Behördenalltag der deutschen In- und Auslandsspionage zu hinterlassen. Dies alles ganz legal, im praktischen Rahmen des "Verbrechensbekämpfungsgesetzes". So heißt es wirklich, und die Sache geht phantastisch einfach. Wie das?

Die Zauberformel lautet "verdachtlose Rasterfahndung". Bevor es nun ein bißchen spannend wird, die dürren Fakten, stark gerafft: Um der grenzüberschreitenden Kriminalität - Mafia, Geldwäsche, Waffenhandel, Drogenkartelle, Terrorismus - geschwinder oder gar vorbeugend auf die Schliche zu kommen, ist im letzten Herbst nach heftigem Parteienstreit das neue, das nämliche "Verbrechensbekämpfungsgesetz" in Kraft getreten. Es gestattet dem Bundesnachrichtendienst (BND) unter anderem die Überwachung sämtlicher zwischen der Bundesrepublik und dem Ausland geführter Telephonate und Telefaxkorrespondenzen: wobei dank jener "verdachtlosen Rasterfahndung" allein schon das Erwähnen bestimmter in den BND-Computern gespeicherter Namen und Worte, sogenannter Suchbegriffe, die automatische Aufzeichnung auslöst. Erster Reflex.

Zweiter Reflex bei jedem anständig rotgrünen oder altliberalen Doppelnull-Vorwähler: der Aufschrei wider den "Polizei- und Überwachungsstaat", die allfällige Sorge um Grundrechte, Datenschutz und den abgehörten, ausgehorchten, geheimerfaßten Bürger. Eine Schreckensvision: "der gläserne Mensch".

So ungefähr, nur entsprechend seriöser formuliert, dachte sich das auch der Hamburger Strafrechtsprofessor Michael Köhler - und klagte gegen das Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht. Karlsruhe hat darüber noch nicht endgültig entschieden, doch vor kurzem eine einstweilige Anordnung getroffen: Ab sofort ist dem Geheimdienst untersagt, seine Aufzeichnungen ohne "bestimmten Verdacht" auf die "Begehung einer konkreten Straftat" näher auszuwerten und das Material an andere Behörden, zum Beispiel Staatsanwaltschaften, die Zollfahndung oder Kriminalpolizei, weiterzuleiten. Ein Sieg des Rechtsstaats, so scheint es.

Freilich geisterhaft erscheinen die Zahlen, welche im Laufe des Verfahrens jetzt erstmals publik wurden. Der Bundesbeauftragte für Datenschutz spricht von "Auslandskontakten in sechsstelliger Größenordnung", die alle 24 Stunden überwacht, und von "etwa 4000 Ferngesprächen", die Tag für Tag (Achtung Suchbegriff!) auf Kassette mitgeschnitten werden.

Viertausend, an einem Tag. Der Hamburger Professor, dessen Klage wir die Veröffentlichung solchen Abhöreifers nun mit verdanken, ist übrigens Experte für Rauschmittelrecht. Nicht als Rauschgift gilt bisher die Datensucht. Dennoch müsse er befürchten, beim Austausch mit internationalen Fachkollegen womöglich schon durch den Gebrauch von Worten wie "Heroin" oder die Schilderung von Dealertaktiken ins engere Raster der allgemeinen elektronischen Fahndung zu geraten. Also "verdachtlos" verdächtig zu werden. Der Bundesinnenminister meint hierauf, daß eine "Wissenschaftlerkorrespondenz" für seine nachgeordneten Behörden "ohne weiteres als solche erkennbar" sei.

An dieser Stelle wagen wir, fast lauthals, ein erkenntnistheoretisches Lächeln. Und stellen uns in irgendeinem Kölner oder Pullacher Datenbunker die Heerscharen linguistisch-psychologisch-kriminologisch bewaffneter Geheimenzyklopädien vor. Ganz abgesehen von den praktischen ermittlungstechnischen wie persönlichkeitsrechtlichen Problemen, sollte ein Wissenschaftler gegenüber seiner Kollegin (seinem Kollegen) in Harvard oder Hongkong noch mehr als rein fachliche Neigungen hegen . . .