Alle Jahre wieder gibt es auch die "Straße des Handwerks" auf dem Hamburger Rathausmarkt, da gehen wir gerne hin. Das hat nichts zu tun mit diesen Edelbastlern aus dem Leinensakko-Milieu und ihren Post-Picasso-Vasen und perfekt angerosteten Nachttischlein aus Eisen - das kommt erst zu Weihnachten im Museum für Kunst und Gewerbe, und nicht unter 500 Mark pro Stuhlbein. Hier aber drängt sich das wahre Handwerk: Elektriker, Metzger, Klempner, Fliesenleger, Gerüstebauer. Jeder hat sein eigenes Zelt mit Live-Show und gutem Rat vor allem für die Jugend, die angehenden Lehrlinge. Ernst vor sich hin sägende junge Menschen, allgemeines Klopfen und Löten und fröhliches Radioapparatezerlegen . . . Auch ein Zelt "Mädchen im Handwerk", hihi, darf betreten werden. Blühende Landschaft, von der Rathausschleuse bis zum Bronze-Heine, der übrigens so aussieht wie ein Bankräuber mit Strumpfmaske überm Gesicht (Leise zieht durch mein Gemüt); ist ja auch ein Handwerk, das gelernt sein will.

Andererseits: Ein Anblick nicht ohne Wehmut. Und heimlichen Schmerz, wenn man so die Gespräche hört: über das Geld, die Ausbildung, das Material, das Geld, die Weiterbildung, das Geld, die Zukunftschancen, das Geld, das Geld . . . Wichtige Sache, sehen wir ganz genauso, Zukunftschancen, Geld - aber wo ist all das andere hin? Wo sind sie hin, die Gespräche über Gott und das Universum, über das Wesen der Dinge, die Attribute der Substanz? Wo sind sie geblieben, die Jakob Böhmes und Hans Sachse, die mystischen Schuster und lyrischen Schuhmacher? Die theologischen Hutmacherlehrlinge und philosophischen Sattler, wie sie uns in Karl Philipp Moritz' wunderbarem "Anton Reiser" begegnen und auf seiner Reise durch England? Schreibt da noch einer seine Reflexionen nieder wie einst Ulrich Bräker, der arme Mann im Toggenburg, oder auch nur seine Erinnerungen wie, um 1700, Meister Johann Dietz, der Barbier und Feldscher, oder 1859 Christian Wilhelm Bechstedt, der Bäckermeister aus Langensalza?

O nein, nicht daß wir hier verblasene Mythen beschwören wollen, den lesenden Arbeiter und dergleichen mehr, aber den philosophischen Handwerker, doch, den vermissen wir sehr. Denn wie schön wäre es, wenn er sich in die bockende Waschmaschine beugte oder neue Fliesen legte, und man könnte dabei ein wenig diskutieren, über Spinoza zum Beispiel, den berühmten Optiker. Es brauchte nicht die "Ethik" zu sein, mit dem "Tractatus Theologico-Politicus" gäben wir uns schon zufrieden. Oder über den "Gesellschaftsvertrag" von Rousseau, Der Mensch ist frei geboren, gelernter Graveur übrigens. Unverbildetes Selbstdenken erblühte wieder zwischen Rohrzange und Rauhfaser, Gelehrsamkeit, die aus dem Herzen kommt, da zahlt man ganz legal auch gern ein Stündchen mehr.

Aber ob die Handwerkskammer solches zu schätzen weiß? Ob sie den Trend überhaupt schon erkannt hat?

Dann sagen wir es einmal so, daß auch sie es versteht: Der moderne Kunde, der Kunde 2000, verlangt das einfach; der Handwerker 2000 muß wieder Gedanken haben, muß sich wieder Gedanken machen. Ein gut gekittetes Fenster mag den Kunden noch so sehr freuen - ohne ein paar Überlegungen zur Transzendenz bleibt er seltsam unbefriedigt zurück. Und will, wer seine frisch besohlten Schuhe abholt, nicht wenigstens einen mystischen Satz mit auf den Heimweg nehmen?

"Mädchen im Handwerk" - prima! Aber erst, liebe Meisterinnen und Meister, liebe Gesellinnen und Gesellen, liebe Auszubildende aller Geschlechter, erst die Elektromeisterin, die sich auch schon einmal gefragt hat, ob es ein Sein jenseits der Wahrnehmung gibt, einen stärkeren Strom, ein helleres Licht, macht das Angebot wirklich rund.