Rom

Ein Schauprozeß, wie es das Fernsehen und der Angeklagte sich gewünscht hatten, soll das Verfahren nicht werden, das seit vorigen Dienstag gleichwohl die Augen aller auf den Gerichtsbunker von Palermo richtet. Zwar sitzt Giulio Andreotti, der ein halbes Jahrhundert italienischer Politik auf dem gekrümmten Buckel hat (7mal als Regierungschef, 23mal als Minister), auf der Anklagebank wie ein leibhaftiges Abbild seines Spruchs, wonach die Macht den verschleißt, der sie nicht hat; eben deshalb aber wollte er sich als Hauptdarsteller der Tragödie seines guten Gewissens noch einmal der Nation in Bild und Ton präsentieren. Doch keine TV-Direktübertragung, nur die Mikrophone des Hörfunks erlauben die Richter.

Auch ein italienischer Kompromiß und symbolisch für vieles, was an Zweideutig-Zwielichtigem in dem 50 000-Seiten-Aktenberg der Anklage und vom Regiment der 400 Zeugen gegen Andreotti aufgeboten wird. Ist er wirklich "der römische Beauftragte der Cosa Nostra", also der Mafia, gewesen? "Cosa loro" - deren, nicht meine Sache, so gibt er im Titel eines Buches, das am Tag vor Prozeßbeginn erschien, den Vorwurf zurück. "Wenn ich in einem Land wie den USA lebte, wo nur Beweise zählen, hätte ich nichts zu fürchten", sagt er. "Aber bei uns zählt ja nur das si dice - das Hörensagen." Solcherart freilich dürften auch seine 126 Entlastungszeugen sein, die ihm zu Hilfe eilen wollen, vom ehemaligen UN-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar bis zu Hans-Dietrich Genscher.

Seltsam gleichgültig schienen die meisten Bewohner der sizilianischen Hauptstadt den Anfang des Andreotti-Prozesses zu betrachten, ganz anders als vor Jahren den "Maxi-Prozeß" gegen die einheimischen Mafia-Bosse. Vielleicht weil sie die Mafia für "ihre" Sache, nicht die eines "Römers" halten? "Wir alle sind auch unabsichtliche Komplizen", meint der Starpublizist Enzo Biagi und hofft auf "die Stunde der Wahrheit" statt bloßer Verdächtigungen.

Sind aber Verhaltensmuster im kriminellen Vor- und Umfeld so leicht justitiabel? Viel Handfestes findet sich bislang in den Bergen von Beweismaterial gegen Andreotti nicht, schon gar nicht in den Mordfällen, in die er verwickelt scheint. Wenn aber alle Indizien gegen ihn wahr wären, könnte dies dem jetzt 76jährigen in etwa drei bis fünf Jahren - so lange braucht ein rechtskräftiges Urteil - über zwanzig Jahre Gefängnis eintragen. Also noch weit über den hundertsten Geburtstag hinaus.

Nicht von ungefähr hat er sich als Bettlektüre ins Hotelzimmer von Palermo ein tröstliches Buch mitgenommen: die "Geschichte einer Seele" der heiligen Therese von Lisieux.