Sat.1, 16.-27. September: "Der Clan der Anna Voss"

Wie gesagt, seit "Dallas" sollte in jeder zweiten Serie das Geld nicht nur die Hauptrolle spielen, sondern auch bewiesen werden, daß es den Charakter verdirbt. JR aber kriegte dennoch alle Weiber und war am Ende, seinen Teufeleien zum Trotz, gar nicht mal so unsympathisch, jedenfalls amüsant. Warum dieses Erfolgsrezept im deutschen Fernsehen nicht anschlägt, weiß niemand - vermutlich hängt es damit zusammen, daß hierzulande beim Geld der Spaß aufhört und allzu großer Reichtum ins Unglück führen muß. Wie auch immer: Jetzt hat Horst Buchholz als JR versagt, und man sollte das Experiment abbrechen. Ein dämonischer Geldmensch, der schurkisch und attraktiv und dann auch noch ironisch ist, hat in deutschen TV-Drehbüchern keine Chance auf Pflege und Entwicklung.

Insbesondere dann nicht, wenn ihm mit Maria Schell eine Miss Ellie von unzerstörbarer Redlichkeit und Familiarität entgegentritt: Anna Voss, die Clan-Herrin wider Willen, die sich eigentlich nur in Frieden ihrem Weinberg widmen möchte, dann aber "der Kinder wegen" dem fiesen Konzernchef das Handwerk legt - ach ja, wie duftet es vom Bildschirm runter nach aufgeräumter Innenwelt und sauberem Gewissen, wenn die alte Dame zwischen ihren beiden Gesichtsausdrücken "besorgt" und "hoffnungsfroh" hin- un d herschaltet. Am Ende deckt sie alle Machenschaften auf, zusätzlich ein erotisches Geheimnis aus ihrer eigenen Vita ("Ich habe nur einen Mann wirklich geliebt"), das die Familienbeziehungen und Verwandtschaftsgrade in ein neues Licht rückt.

Zwischendurch hat ihr Enkel Lukas erst seine Tante, dann seine Cousine flachgelegt, Tochter Gerlinde das afrikanische Krankenhauswesen auf Vordermann gebracht und der undurchsichtige Monsieur Hoshi Röntgenblitzgeräte zu Atombombenzeitzündern umgefingert. Anna Voss jettet zwischen Baden-Baden, Berlin, Kenia, der Côte d'Azur und um ein Haar sogar Hongkong hin und her und verhütet das Schlimmste. Nur in Nizza trägt es sie einmal fast aus der Kurve, aber natürlich muß die Redlichkeit am Leben bleiben, um dem deutschen Fernsehzuschauer die Passage in den Nachtschlaf zu erleichtern.

Wer immer diese unsägliche "Anna Voss" (Buch: Knut Boeser, Regie: Herbert Ballmann) ins Leben rief, er hat ein deutsches "Dallas" durch Super-Gran Maria Schell ruiniert und ein "Denver" durch den stocksteifen Horst Buchholz. Die großen Namen bringen es meist nicht nur nicht, sie stören - wenn ihre Träger eben wirklich nicht mehr sind als das. Die abstruse Handlung und die papiernen Dialoge hätte man zur Not verkraften können - aber die Alt-Stars, um die herum die Dramaturgie angelegt war, rissen das Unternehmen erbarmungslos rein. Sie geisterten wie Zombies durch den Film und haben wahrscheinlich überhaupt nicht gewußt, worum es dabei ging.

Schade ist das insofern, als dieser Sechsteiler schauspielerische Leistungen bot, wie sie im deutschen Fernsehen selten sind. Die ausgezeichnete Ursela Monn, die partout nicht zu Mätzchen und Manierismen zu kriegen ist, der ebenfalls immer zuverlässige Guntbert Warns, ferner Kathie Kriegel, Johannes Brandrup, Susanne Lüning und Nadeshda Brennecke - denen zuzugucken war eine ungewohnte Freude. Aber dann heftete auch schon der verunglückte deutsche JR seinen stechenden Blick auf die verunglückte deutsche Miss Ellie, und alles war wieder im Eimer.