Vermutlich hat die arabische Zeitung Al-Hayat recht: "Beide Seiten, Palästinenser und Israelis, haben mit der Vereinbarung von Taba einen Punkt erreicht, von dem aus eine Umkehr nicht mehr möglich ist." In Taba, einer kleinen ägyptischen Hafenstadt am Roten Meer, einigte man sich am vorigen Wochenende - mit sechzehn Monaten Verspätung - auf ein Zwischenabkommen, das am Donnerstag in Washington feierlich unterzeichnet wird.

Diese wichtigste politische Vereinbarung seit der vor zwei Jahren in Oslo ausgehandelten "Prinzipienerklärung" regelt insbesondere die nächste Phase des israelischen Truppenabzuges aus der West Bank und die Wahlen zu einem palästinensischen Autonomierat. Böse Zungen sprechen von einer "Bantustanisierung" der West Bank, die in drei Zonen eingeteilt wird - ein Flickenteppich aus Autonomie und Besatzung, der geographisch Rücksicht nimmt auf die etwa 130 jüdischen Siedlungen. Fast 75 Prozent der West Bank (und 40 Prozent des Gaza-Streifens) bleiben auch weiterhin unter Kontrolle der Siedler und der israelischen Armee.

Palästinenser wie Israelis verhandeln mit einem Höchstmaß an Pragmatismus. PLO-Chef Arafat weiß, daß er nicht in der Position ist, Forderungen zu stellen. Er kann nur appellieren, die politische und militärische Macht liegt auf seiten der Israelis. Das oberste Gebot von Premierminister Jitzhak Rabin wiederum lautet, auf keinen Fall die Siedler zu provozieren, ihnen jede Chance zu nehmen, sich als "Märtyrer" zu stilisieren. Deswegen lehnt es die israelische Führung ab, die 400 in Hebron lebenden Siedler nach Israel zurückzuführen, obwohl es die naheliegendste und kostengünstigste Lösung wäre. Anstatt die Kraftprobe zu suchen, setzt Rabin auf Zeit. Die Mehrheit der 140 000 Siedler (hinzu kommen 165 000 jüdische Bewohner Ostjerusalems) besteht nicht aus Fanatikern; sie werden akzeptieren müssen, langfristig entweder unter palästinensischer Verwaltung zu leben oder nach Israel zurückzukehren.

Bemerkenswert ist Rabins Kommentar nach der Vereinbarung von Taba: "Im Augenblick - und ich unterstreiche im Augenblick - bin ich gegen die Schaffung eines palästinensischen Staates. In der Zukunft werden wir nach allen denkbaren Lösungen suchen." Damit hat der israelische Premier erstmals öffentlich benannt, was die an den Friedensverhandlungen beteiligten israelischen Politiker im vertrauten Gespräch seit langem sagen: Der Weg zu einem palästinensischen Staat ist noch weit, aber er wird entstehen. Vermutlich mit Ostjerusalem als Hauptstadt, möglicherweise in Konföderation mit Jordanien.

Ermutigend an Taba ist, daß beide Seiten ohne ideologischen Ballast politische Tatsachen schaffen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, auch nicht im Falle eines Wahlsieges der rechtsnationalen Likud im nächsten Jahr. Doch die schwierigsten Fragen sind noch offen: Jerusalem, Streitpunkt aus religiösen und nationalistischen Gründen; und die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge in den arabischen Nachbarländern. Verläuft alles nach Plan, beginnt die nächste und entscheidende Verhandlungsrunde spätestens im Mai 1996.

Parallel zu den Verhandlungen bedarf es eines Umdenkens. Auf israelischer Seite fällt die Einsicht, daß die Palästinenser ein Volk mit Rechten sind, noch immer sehr schwer. Nicht selten verstellen auf die Bibel gegründete Besitzansprüche den Blick auf die Notwendigkeit eines palästinensischen Staates. Umgekehrt muß auf palästinensischer Seite die Einsicht wachsen, daß die eigenen nationalen Rechte nur in einem Kompromiß mit Israel verwirklicht werden können. Die Verweigerungshaltung der Hamas, die sich in Terroranschlägen ausdrückt, macht mit religiösem Vokabular dort weiter, wo zuvor schon die marxistische Volksfront zur Befreiung Palästinas unter Georges Habasch scheiterte. Der Irrtum dieser palästinensischen Gruppen liegt darin, in der Vergangenheit zu leben und die Entwicklungen seit 1948 zu ignorieren - seit der Staatsgründung Israels.