Jeden Donnerstag um die Mittagszeit steht Cheb Hasni vor dem Lyzeum, das nur wenige Meter von seinem Haus entfernt liegt. Zusammen mit seinem Bruder und Freunden nutzt er den Unterrichtsschluß, um sich ein wenig vor den Mädchen zu produzieren, um zu schauen und angeschaut zu werden. Mehr nicht. Im Gambetta-Viertel in Oran - und nicht nur da - kennt man Hasni. Binnen kurzem war er zum erfolgreichsten Rai-Musiker in Algerien avanciert, hat selbst Khaled, den König des Rai, in den Schatten gestellt, und mit sechsundzwanzig Jahren hat er bereits über einhundertzwanzig Kassetten eingespielt.

Hasni, "der Sentimentale", wie sein Publikum ihn nennt, singt hauptsächlich von der Liebe. In einer einfachen, dialektgefärbten Sprache, mit leicht angerauhter Stimme läßt er die gutturalen arabischen Laute lässig kreisen auf einem über die Ufer tretenden Klangsee. So discoverwandt diese Musik trotz ihrer traditionellen Anteile in europäischen Ohren klingt, katalogisiert als "Rai Love": Die elegischen Texte passen schlecht zu Tanzmusik. Hasni ist ein eher unpolitischer Künstler, doch zwischen all den Liebes- und Eifersuchtsdramen sind auch einige Songs zu finden, die andere Konfliktthemen der algerischen Gesellschaft aufgreifen. Es geht um Wohnungsnot, "2 Pièces Cuisine" (2 Zimmer, Küche), um Arbeitslosigkeit oder um die Schwierigkeiten, einen Paß zu bekommen. Die Systemkritik ist Zustandsbeschreibung, sie greift, häufig auf indirekte Art, die Alltagsnöte junger Menschen auf. Die allerdings machen einen Großteil der algerischen wie auch der übrigen maghrebinischen Gesellschaften in Tunesien und Marokko aus. Das Durchschnittsalter liegt bei vierundzwanzig Jahren - und das entspricht so gar nicht dem Bild, das uns das Fernsehen hierzulande vermittelt: Nicht alte, bärtige Männer, deren Leben von der Religion beherrscht wird, sind die Mehrheit, sondern junge Männer, junge Frauen, die Michael Jackson hören wie Jugendliche anderswo auch. Und sie hören Rai - was soviel heißt wie: "Meinung".

Auch vor einem Jahr, am 29. September 1994, lungerte Hasni mit den anderen wieder vor dem Lyzeum herum. Es war 12.10 Uhr, als drei Männer auf sie zukamen und Hasni erschossen. Zwar hatte es schon früher Warnzeichen gegeben. Drohbriefe waren ins Haus geflattert, die Werkstatt von Hasnis Bruder war überfallen worden, und an der Hauswand stand zu lesen: "Hasni, du wirst alles bezahlen, was du singenderweise verdienst". Getötet wurde an jenem Herbsttag ein Symbol der algerischen Jugend, so populär, daß das Sprichwort umging: "Wenn du Kopfweh hast, geh nicht zum Apotheker, hör eine Kassette von Hasni." Bislang gibt es keine Erkenntnisse über die Täter, nur die eine oder andere Verhaftung, ergebnislos. Dafür aber Mutmaßungen zuhauf: Waren es Islamisten, die die Rai-Sänger um den Massenzulauf der Jugend beneiden? War es der Geheimdienst, der einen Schock in der Bevölkerung auslösen und der FIS (Front Islamique du Salut/Islamische Heilsfront) die Verantwortung in die Schuhe schieben wollte? Oder waren die Killer einfach ein paar übereifrige Anhänger fundamentalistischer Kreise?

Mord ist der alltägliche Psychoschock, mit dem man leben muß in dieser Gesellschaft, die seit den sechziger Jahren und dem Ende der französischen Kolonisation nicht mehr zur Ruhe gekommen ist. Seit den Wahlen des Jahres 1991 lebt man gar in der permanenten Zerreißprobe. Offiziell haben die Integristen nach ihrem Wahlerfolg in vielen Vierteln zwar die Kulturhäuser geschlossen, den Rai aber nicht verboten. Doch es gibt Gerüchte. Und Gerüchte gehören zum algerischen Leben, wie Nourredine Gafaiti, Rai-Manager und Produzent in Paris, sagt: "Das war schon immer so: Man hörte irgendwoher, daß der Öl- oder Kartoffelpreis steigen sollte. Niemand wußte Genaueres, aber es gab diese kursierenden Gerüchte, tage-, manchmal wochenlang. Tatsächlich ging der Preis kurz darauf in die Höhe, und niemand regte sich mehr auf. Natürlich haben die Islamisten das Gerücht in Umlauf gebracht, daß Rai verboten werden soll. Aber sie wären ja dumm, schließlich ist das eine riesige, florierende Industrie."

Rai ist inzwischen wirklich das Aushängeschild algerischer Kultur: Auf nationaler Ebene läuft kein Festival, keine Fernsehshow mehr ohne Rai-Sängerinnen und -Sänger - international haben sie dem Land in den letzten zwei Dekaden mehr Anerkennung gebracht als nur je ein politischer Repräsentant. Und das, obgleich es diese Musikform eigentlich schon seit den zwanziger Jahren gibt, als abrupte Abwendung von den klassischen poetischen Bildern und Texten, die immer noch von Beduinen und Löwen, von Sagen und Mythen vergangener Zeiten erzählten. Im Rai hielt endlich die Realität Einzug, und mit ihr die kulturelle Vielfalt Algeriens. Die verschiedensten Einflüsse - osmanische, spanische, französische, korsische, marokkanische, türkische, katalanische - schlugen sich nicht nur nieder in den Dialekten, sie prägten auch die Musik. Zunächst wurden die Sänger nur von Geige, Akkordeon, Flöten oder Darabukka, der unter den Arm geklemmten Handtrommel, begleitet. Gesungen wurde auf Hochzeiten oder Verlobungsfeiern, in den sechziger Jahren dann aber auch in den Cafés von Barbès, dem maghrebinischen Viertel in Paris. Dorthin waren viele Arbeiter aus Oran, Sidi bel Abbès oder Tlemcen ins Exil geflohen, und mit ihnen waren die Cheikhats gekommen: singende Frauen, die Seele des Rai der alten Zeiten.

Cheijat oder Cheikha ist eine satirische Verweiblichung des Begriffs "Scheich", der Spezialist Achmed ben Naum erklärt dazu: "Eine Cheijat weist auf einen institutionalisierten Mangel hin. Sie ist eine Antifrau. Sie hat keinen bekannten Familiennamen. Sie ist die Tochter, Schwester, Kurtisane oder Tante von niemandem. Ein Vorname, ein Spitzname, eine Anspielung auf ihren Arbeitsort genügen, um sie zu identifizieren. Ihre wirkliche Identität ist die Karteikarte bei der politischen Polizei."

Die bekannteste aller Cheikhats heute ist wohl die siebzigjährige Cheikha Remitti, die seit fünfzig Jahren ihre "Meinung" vorträgt und von jüngeren Rai-Sängerinnen und Sängern längst als ihre "Mamie" betrachtet wird. Schon ihr Name zeigt an, wie weit sich diese fahrenden Künstlerinnen vom bon goût und von der klassischen arabischen Sprache entfernt haben. Remitti nämlich ist eine Verballhornung von remettez-moi, was soviel heißt wie: Schenken Sie mir nach! So funktioniert also "Sex 'n' Drugs 'n' Rock 'n' Roll" auf algerische Art: propagiert von Frauen, die sich ins Abseits einer strikt vom Koran reglementierten Gesellschaft begeben haben und die von ihren Lüsten und Gefühlen singen, wo Unterwerfung und Schweigen verlangt werden.