Die Männer vom Betriebsschutz sind kategorisch. Der Journalist ist nicht bei der Werksleitung angemeldet. Deshalb kann er die neue Gesamtbetriebsratsvorsitzende auch nicht in ihrem Büro auf dem Firmengelände interviewen. Anordnung ist Anordnung. "Dann stellen wir uns vors Eingangstor und sprechen darüber, wie die Firmenleitung die Mitarbeitervertretung behandelt", erwidert Ingrid Lüllmann. Zwei Minuten später sitzt sie mit dem Fragensteller in ihrem Büro, Anordnung hin oder her.

Durchsetzungskraft wird Ingrid Lüllmann auch künftig brauchen. Denn in diesem Monat wurde die 52jährige zur Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats der Daimler-Benz Aerospace AG (Dasa) gewählt, des beschäftigtenstärksten der fünf Gesamtbetriebsräte des Dasa-Konzerns. Mit der gelernten technischen Zeichnerin vertritt erstmals eine Frau die Interessen der 18 000 großenteils männlichen Dasa-Beschäftigten des Geschäftsbereichs Luft- und Raumfahrttechnik.

Der Konzernvorstand sorgte mit dem Rationalisierungs- und Personalabbaukonzept Dolores der Unternehmensberatung McKinsey dafür, daß Ingrid Lüllmann gleich zum Amtsantritt mehr Gelegenheit zum Profilieren hat, als ihr lieb ist. Kein Wunder, daß die Mitarbeitervertreterin seither fast ausschließlich in Sachen Dolores unterwegs ist. Jede Woche pendelt sie zwischen ihrem Stammwerk in Bremen und München, wo die Mehrheit der Beschäftigten arbeitet. Eine Mischung aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit begleitet sie dabei. Hoffnung, weil Betriebsräte und Gewerkschaften sich gegen Dolores und den Arbeitsplatzabbau mobilisieren. "Wir müssen alles tun, damit aus dem Konzept keine Realität wird", sagt Ingrid Lüllmann.

Doch weil sie auch die Grenzen der Mitarbeitermacht kennt, fällt es ihr nicht immer leicht, sich gegen Anflüge von Resignation zu wehren. "Es wäre naiv zu glauben, wir könnten das völlig verhindern." Zu präsent ist die Erinnerung an jenes Treffen mit der Konzernleitung von 1993, als die Unternehmenschefs den perplexen Betriebsräten die Schließung von sechs Dasa-Betrieben ankündigten. "Alle saßen da und dachten: Hoffentlich trifft es nicht meinen Betrieb", erzählt sie. Fünf der sechs Standorte gibt es heute nicht mehr.

Hinzu kommt, daß die Dasa-Beschäftigten zur Zeit nicht mit einer Stimme sprechen. Anfang August hatten die fünf Dasa-Gesamtbetriebsräte beschlossen, den Konzernbetriebsrat aufzulösen, der bis dahin ihre Interessen gegenüber der Konzernleitung vertreten hatte. Über die Gründe dafür spricht Ingrid Lüllmann genauso ungern wie die Vorsitzenden der anderen Gesamtbetriebsräte. Nur soviel: Uneinigkeit über die Besetzung des Vorsitzendenstuhls war offenbar der Anlaß. Um wenigstens ihr Vorgehen bei Dolores zu koordinieren, haben die fünf Gesamtbetriebsräte nun hastig eine Arbeitsgemeinschaft gegründet.

In siebzehn Jahren Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit und als SPD-Kommunalpolitikerin in ihrem Wohnort Syke bei Bremen hat Ingrid Lüllmann Führungs- und Integrationskraft erworben. Die braucht sie auch in ihrem neuen Amt. Denn einige Mitglieder der IG Metall und der SPD sind aus pazifistischer Überzeugung gegen Rüstungsgeschäfte, von denen die Dasa zu einem Gutteil lebt. Besonders ärgerlich aus ihrer Sicht: Ausgerechnet der Bremer Landesvorstand der SPD lehnt neue Rüstungsprogramme wie etwa den Eurofighter ab. Für Ingrid Lüllmann sind solche Skrupel fehl am Platz. "Wir haben uns in der Verfassung der Bundesrepublik für eine Sicherheitspolitik entschieden. Dann ist es doch nur logisch, daß wir auch die technologischen Voraussetzungen schaffen, um diese Politik umzusetzen."

Richtig ungehalten wird sie bei dem Vorwurf, die Dasa-Beschäftigten würden mit staatlichen Subventionen durchgefüttert. "Wir sind nicht die Landwirtschaft oder der Kohlebergbau. Bei uns soll keine veraltete Branche künstlich am Leben erhalten werden. Wir liefern für das Geld Spitzentechnologien und sorgen dafür, daß es auch in Zunkunft hochqualifizierte Arbeitsplätze in Deutschland gibt."