Am 7. Februar 1771 beschloß die Königliche Akademie der Wissenschaften in Berlin, dem König Friedrich II. "le juif Moses" zum ordentlichen Mitglied der Klasse der "spekulativen Philosophie" vorzuschlagen. "Der Jude Moses" war Mendelssohn, dem von ebendieser Klasse acht Jahre zuvor der Preis für die beste philosophische Arbeit verliehen worden war, die sich knapp gegenüber der von Immanuel Kant eingereichten Preisschrift hatte durchsetzen können. Friedrich II. war offenbar nicht besonders beeindruckt, denn er ließ den Akademievorschlag unbeantwortet. In ihrer Sitzung vom 26. September 1771 beschlossen die Mitglieder der Klasse, dem König eine Liste mit drei Namen zu unterbreiten, unter denen sich der Name Mendelssohn nicht mehr befand.

Es ist müßig, abzuwägen, wer hier schlechter dasteht, der König oder die Akademie. Die Akademie mag sich damit trösten, daß sie schließlich Mendelssohn gewählt hatte und daß es der König war, der diese honorige Wahl ablehnte. Es ist vielleicht auch kein Zufall, daß "der berühmte Jude" (so wörtlich das königliche Handschreiben) am 30. September 1771 durch königliche Order nach Potsdam befohlen wurde, dort aber offenbar nicht den König, sondern nur einen sächsischen Baron traf, der sich angelegentlich mit ihm über seine Werke unterhielt. Doch der Baron traf gewiß auch die Einstellung des Königs zu dem jüdischen Philosophen, wenn er diesen mit den Worten verabschiedete: "Herr M., es ist mir doch unbegreiflich, daß ein so klarer philosop(hischer) Kopf, sich nicht zum Christentum bekehrt hat" - worauf Mendelssohn "im jüdischen idiom" geantwortet haben soll: "Ah se verseihe ihre Exsellenz, was soll ich creditiern dem Sohn, as der Vater noch lebt?"

Der nicht minder berühmte Jude Leopold Zunz scheiterte dann 1848 mit seinem Antrag an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität (heute Humboldt-Universität) einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte und Literatur einzurichten. Er wurde am 4. Dezember 1848 vom Minister aufgrund eines ausführlichen Gutachtens der Fakultät abschlägig beschieden. Damit war der Traum von der Aufnahme der jüdischen Wissenschaft in die deutsche Universität ausgeträumt. Das Judentum zog sich auf eigene, private Lehranstalten zurück. Es sollte bis 1963 dauern, ehe der erste Lehrstuhl für Judaistik an einer deutschen Universität eingerichtet wurde, sicher nicht von ungefähr nicht an einer der Traditionsuniversitäten, sondern an einer Neugründung, nämlich der Freien Universität Berlin. Dazwischen liegt das Scheitern der Emanzipation der Juden und die Vernichtung des europäischen Judentums in den nationalsozialistischen Todeslagern. Die Wissenschaft vom Judentum wurde im Kanon der Universitätsdisziplinen erst hoffähig, nachdem das Judentum weitgehend ausgelöscht war. Jede wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Judentum ist ganz besonders in Deutschland von der Schoah bestimmt.

Die Wiedervereinigung hat Bewegung auch in die judaistische Hochschullandschaft gebracht. An der Universität Potsdam wurde das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien gegründet sowie, eine neue Entwicklung, ein Studiengang Jüdische Studien. In Halle entsteht ein Seminar für Judaistik/Jüdische Studien, und in Leipzig wird der Aufbau eines Institutes mit dem Schwerpunkt Osteuropäisches Judentum vorbereitet. Wie man hört, plant jetzt auch München einen Lehrstuhl für jüdische Geschichte.

In den sechziger, siebziger und teilweise auch achtziger Jahren ging es in der ersten Phase um den Aufbau der Judaistik in Deutschland, die sich dessen bewußt war, daß sie nach der Schoah nicht nahtlos an die Wissenschaft vom Judentum, geschweige denn die Wissenschaft des Judentums des 19. Jahrhunderts würde anknüpfen können. Die Generation dieser Aufbauphase hat ihre prägende Ausbildung in Israel erfahren, an der Hebräischen Universität Jerusalem. Dies bedeutet zweierlei: Zum einen haben wir in einem israelischen (damals übrigens an der Hebräischen Universität weitgehend säkular-israelischen) und hebräischen Kontext studiert, es war für uns also ganz selbstverständlich, daß Judaistik sich auch in der hebräischen Sprache abspielt. Zum anderen aber waren die herausragenden Lehrer, bei denen wir studierten, Emigranten aus Deutschland oder anderen europäischen Ländern, die dann in Jerusalem ihrer Disziplin den Stempel aufdrücken sollten - wie Ephraim E. Urbach in der klassischen rabbinischen Literatur, Gerschom Scholem in der jüdischen Mystik oder Isaak Heinemann in der jüdischen Liturgie. Wir haben also, in durchaus unterschiedlichen Ausformungen, eine Synthese beider Welten kennengelernt: die mit diesen Lehrern inzwischen weitgehend untergegangene Tradition der jüdisch-deutschen Gelehrsamkeit und ihre Umformung im israelischen Kontext, in einer lebendigen jüdischen Kultur.

Diese Judaistik haben wir versucht nach Deutschland zu transponieren: eine deutsch-israelisch-hebräische Judaistik, die rigorosen wissenschaftlichen Ansprüchen verpflichtet ist, die sich ihre Fragestellungen nicht von spezifisch deutschen Gegebenheiten diktieren läßt, die in einem mit Israel (später auch mit den Vereinigten Staaten) verbundenen Forschungszusammenhang steht. Und wir möchten darauf bestehen, daß die Judaistik, die wir vertreten, in historische Zusammenhänge gehört, die auch unsere "Nach-Wiedervereinigungs-Gegenwart" determinieren.

Die zweite Phase der Entwicklung der Judaistik begann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Sie antwortete auf ein rapide zunehmendes Interesse in der Geschichtswissenschaft, aber auch in einer breiten Öffentlichkeit an allem, was mit der Geschichte und Kultur der Juden in Deutschland zusammenhängt. Der große Erfolg etwa der Ausstellung "Jüdische Lebenswelten" im Jahre 1992 ist ein Indikator dafür. Die wenigen judaistischen Institute und Abteilungen konnten diesem wachsenden Interesse nur begrenzt Rechnung tragen; der Ausbau des Faches stagnierte seit dem Ende der siebziger Jahre. Mit der Gründung des Studienganges Jüdische Studien in Potsdam ist eine weitere Zäsur erreicht, mit der sich nun auch offene Kritik an der, wie es heißt, "etablierten Judaistik" verbindet: Sie sei zu philologisch ausgerichtet, entsprechend antiquiert, befasse sich zuviel mit der Antike oder dem Mittelalter oder auch mit der Religion, jedenfalls nicht genug mit der Neuzeit.