Das derzeitige Verhalten der SPD hat Elemente einer griechischen Tragödie: Suizid, Vatermord und Bruderkrieg spielen sich auf offener Bühne ab. Die Bündnisgrünen übernehmen dabei die Rolle der Chöre, die kommentierend die Ereignisse begleiten. Das jüngste Strategiepapier Joschka Fischers, das von seiner Fraktion abgesegnet wurde, enthält denn auch alle Hauptarten von Reden, wie sie die Sprechgesänge der Chöre kennzeichnen: die Lamentation, die Verfluchung und die Selbstrechtfertigung.

Die Lamentation über die SPD ist mitfühlend und vernichtend zugleich. Verflucht wird die CDU. Dies dient jedoch zunächst der Beruhigung des eigenen Publikums und der Verschleierung der wirklichen Ziele. Die Selbstrechtfertigung schließlich hat für die grünen Strategen den verständlichen Zweck, aus der rotgrünen Sackgasse heraus zu neuen Ufern zu führen.

Noch vor wenigen Monaten hatten die führenden Grünen - Jürgen Trittin und Krista Sager, aber auch Joschka Fischer und Kerstin Müller - alle Diskussionen über schwarzgrüne Inhalte, Schnittmengen und Koalitionen als absurd und abwegig bezeichnet. Rot-Grün war die Kampfparole, um die Union Helmut Kohls abzulösen. Dieser Richtungsdruck war so stark, daß sich die Bündnisgrünen sogar in Baden-Württemberg, wo eine schwarzgrüne Alternative am ehesten möglich gewesen wäre, auf eine Koalition mit der SPD festlegten. Aus heutiger Sicht offenbar voreilig, und mit der für die Grünen fatalen Folge, daß die CDU, die eine Neuauflage der Großen Koalition scheut wie der richtige Teufel das Weihwasser, jetzt, mit dem wirtschaftlichen Aufwind im Rücken, mit einiger Aussicht auf Erfolg um die absolute Mehrheit bei den Landtagswahlen im März nächsten Jahres kämpft.

Es spricht für die Bündnisgrünen, daß sie den Niedergang der SPD nicht an deren Personalquerelen festmachen. Scharping hat seine Schwierigkeiten, weil er mit 42 Prozent der Mitgliederstimmen keine inhaltliche Mehrheit hinter sich weiß. Aber Joschka Fischers inhaltliche Analyse der SPD ist zu simpel. Er nennt es einen "strategischen Großfehler" von Helmut Schmidt, die Gründung der Grünen durch seine Politik erzwungen zu haben. In Wirklichkeit bestand der Fehler der SPD darin, durch das Bündnis mit den pazifistischen Fundamentalisten Anfang der achtziger Jahre und die Übernahme ihrer Ideen, angeführt von Erhard Eppler und Willy Brandt, die Grünen erst eigentlich hoffähig gemacht zu haben, anstatt deren Ziele zu bekämpfen. Der Rechtsradikalismus in Deutschland hatte nur deshalb keine Chance, weil die CDU trotz vielfacher Versuchungen diesen Fehler der SPD auf der rechten Seite nicht wiederholte.

Es rächt sich, daß die SPD die Zeit der Opposition nicht genutzt hat, um sich, wie die CDU von 1975 bis 1985, politisch und geistig zu erneuern. Die SPD ist außen- und wirtschaftspolitisch immer noch in der Gedankenwelt der achtziger Jahre gefangen. Sie ist von den Bündnisgrünen außenpolitisch, wie die Auseinandersetzung um Bosnien beweist, schon seit geraumer Zeit überholt worden. (Dasselbe vollzieht sich jetzt in der Wirtschaftspolitik.) Laut Emnid bejahen 63 Prozent der grünen Wähler den Nato-Einsatz in Restjugoslawien, ein Prozent weniger als Anhänger der Union. Führende Sozialdemokraten hätten weder Joschka Fischers Buch "Risiko Deutschland" noch das neue Strategiepapier der Grünen schreiben können.

Die in diesem Papier enthaltenen Angriffe auf die Union - die "Verfluchungen" - sind Theaterdonner. Die Vorwürfe des Immobilismus entpuppen sich angesichts von Kindergeld-, Gesundheits- und Sozialhilfereform zunächst als nach innen gerichtete Polemik.

Der eigentlich spektakuläre und auch für die Union in mehrfacher Hinsicht interessante Vorgang ist die programmatische Veränderung der grünen Partei. Die Grünen haben zwar noch keine vollständigen Antworten, aber sie stellen im Gegensatz zu den Sozialdemokraten inzwischen die richtigen Fragen. Sie sind, mit Ausnahme des Berliner Landesverbandes, einen weiten Weg gegangen - von einer chiliastischen, alternativ-radikalen Fundipartei zu einer realitätsnäheren Reformpartei mit ökologischem Schwerpunkt, die ihre Rechtfertigung für diesen Wandel aus der Revolution des Jahres 1989, die sie damals verschlafen hatte, sowie der Globalisierung der Außen- und der Wirtschaftspolitik bezieht.