Einmal im Jahr packt Erika Pidancet ihre Reisetasche, um nach Paris zu fliegen. Auf ihrem Programm stehen weder die Besichtigung des Eiffelturms noch ein Bummel auf den Champs-Elysées. Die 45jährige Betriebsrätin aus Celle fährt zur Sitzung des Europäischen Komitees von Thomson Multimedia. In wenigen Tagen könnten die Mitglieder des Gremiums zehnjähriges Jubiläum feiern. Der französische Staatskonzern unterschrieb am 7. Oktober 1985 als erstes Unternehmen eine Vereinbarung über eine europaweite Arbeitnehmervertretung.

Allein die Liebe zu den Mitarbeitern war es gewiß nicht, die das Management zu dieser Pioniertat bewog. Auch der Einfluß der damaligen sozialistischen Regierung in Paris, die der Idee des Euro-Betriebsrats aufgeschlossen gegenüberstand, hätte den Multi wohl nicht allein zu einem solchen Schritt bewogen. Ausschlaggebend war vielmehr das miserable Image des französischen Konzerns.Gegen die japanische Konkurrenz auf dem Markt für Farbfernsehröhren wehrte sich Thomson- Brandt, so der ehemaligen Firmenname, zu Beginn der achtziger Jahre durch den Aufkauf klangvoller Markennamen wie Telefunken, Saba oder Nordmende und schlagkräftiger Vertriebsorganisationen. Das Konzept: Konzentration und Rationalisierung. Doch die rigorose Strategie mit Entlassungen und Schließung von TV-Röhren-Werken überall in Europa brachten dem Unternehmen bald den Ruf als "Plattmacher und Jobkiller Nummer eins" ein. Vor allem in der Bundesrepublik schlugen die Wellen der Empörung hoch, als das Videocolor-Werk in Ulm trotz der verzweifelten Proteste von Mitarbeitern und Gewerkschaftern, Pfarrern und Politikern 1982 geschlossen wurde. Gerald Peikert, heute Personalchef der deutschen Tochter Thomson Television Germany (TTG) in Celle, nennt das harte Vorgehen rückblickend einen "entscheidenden Fehler". "Die Maßnahmen waren nötig, aber sie hätten besser vermittelt werden müssen." Ähnlich sah man das offenbar Ende 1984 in der Pariser Zentrale.

Bert Thierron, Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes (EMB), und seine Kollegen in Brüssel nutzten die Gunst der Stunde. Sie forderten die Firmenleitung zum Gespräch auf, und die reagierte zum Erstaunen der Gewerkschafter mit einer Einladung nach Paris. "Ein halbes Jahr später war die Sache rund", erinnert sich Bert Thierron.

Ganz einfach war das freilich nicht: Weil einige Gewerkschafter sich nicht mit Kollegen aus kommunistischen Organisationen an einen Tisch setzen wollten, wurden für die Sparte Thomson Grand Public (heute Thomson Multimedia) zwei Gremien gebildet: eine Branchenkommission, besetzt mit 26 betrieblichen Vertretern aus den verschiedenen europäischen Werken, darunter auch Repräsentanten kommunistischer Organisationen. Und ein fünfzehnköpfiger Verbindungsausschuß, dem nur Mitgliedsorganisationen des EMB angehörten, also keine Kommunisten. Für die Sitzungen der Hauptamtlichen übernahm das Unternehmen nur die Dolmetscherkosten, die Treffen der Belegschaftsvertreter wurden voll bezahlt.

Unterschriftsreif war das Abkommen damit aber noch lange nicht. Denn Thierron mußte mit Widerstand gegen Euro-Betriebsräte in den eigenen Reihen rechnen, vor allem bei "Gewerkschaften, die zu Hause stark waren". Deutsche, Dänen und Briten fürchteten damals ihren Informationsvorsprung zu verlieren. Nur wenige blickten über den nationalen Tellerrand hinaus. "Deshalb wollte ich den Präzedenzfall von den höchsten Repräsentanten des EMB absegnen lassen", erklärt Thierron. Die Skepsis legte sich erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre: "Da hat jeder - auch die große IG Metall - verstanden, daß Rechte, die wir zu Hause haben, durch die internationalen Strukturen flötengehen."

Bei Thomson hatte man mittlerweile erste Erfahrungen mit den neuen Gremien gemacht. Das Management informierte einmal im Jahr über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, Veränderungen in Organisation, Markt und Technologien sowie über die dadurch erforderlichen Anpassungen der Belegschaft. "Die Zweiteilung war nicht das Gelbe vom Ei", erinnert sich Robert Steiert, der von Anfang an für die IG Metall im Verbindungsausschuß saß. "Thomson spielte uns manchmal gegeneinander aus." Auch die Kommunikation mit den spanischen und französischen Kollegen klappte zunächst nicht reibungslos. Mittlerweile gehören die schlimmsten Anfangsprobleme der Vergangenheit an. Beide Gremien sind im Europäischen Komitee vereint, die Verbindung per Telephon oder Telefax ist erheblich enger geworden, und "die Erpressungsversuche der Geschäftsleitung sind vorbei" (Steiert).

Erika Pidancet, gelernte Bürogehilfin, später Arbeiterin bei Telefunken, ist seit 1989 dabei. Die patente Gesamtbetriebsratsvorsitzende der deutschen Tochter Thomson Television Germany (TTG) mit derzeit knapp 1400 Beschäftigten in Celle, Hannover und Villingen hält die Institution auf europäischer Ebene zwar grundsätzlich für sinnvoll: "Wir erfahren jedenfalls einige Zeit vorher, was passieren soll." Aber noch immer gibt es ihrer Meinung nach reichlich Schwierigkeiten. Besonders die Sprachbarriere macht den Kollegen zu schaffen. Die alleinerziehende Mutter, mittlerweile sogar stolze Großmutter, hat mit einem Französischkurs an der Volkshochschule versucht, die Sprachbarriere zu überwinden. Doch ihre vielen Verpflichtungen in verschiedenen Gewerkschaftsgremien zwangen sie zum Aufgeben. "Man reist am Abend vor dem Termin an, grüßt sich, lächelt, versucht mit Händen und Füßen etwas auszudrücken, aber meist geht das schief", klagt sie. "Wie soll man da eine vernünftige Vertrauensbasis zueinander aufbauen." Wer sich zu Wort melde, überlege vorher genau, ob die Kollegen das nicht womöglich gegen ihn verwenden könnten". Selbst beim Essen hapere die europäische Zusammenarbeit noch. "Da sitzen die Franzosen an einem Tisch, am anderen die Engländer, am dritten die Deutschen."