Die Ausstellung zeigt Arbeiten derer, die sich vor den Nazis in das faschistische Italien retteten. An den Wänden jede Menge schlechter Bilder von Max Pfeiffer Watenphul, Felix Nussbaum oder Michel Fingesten. Dazu kommen noch die folkloristischen Teller und Töpfe von Irene Kowaliska. Sie soll in den dreißiger Jahren "am nachhaltigsten den Stil der Künstlergruppe" von Vietri geprägt haben. Es ist viel über den Nutzen geschrieben worden, den Emigranten ihren Gastländern brachten. Es wäre an der Zeit, einmal auch über den Schaden zu schreiben, den sie anrichteten.

In einer Vitrine Die Neue Literatur vom Mai 1938, aufgeschlagen ein Artikel über Lavinia Mazzucchetti, die Übersetzerin von Thomas Mann, eine Kennerin der deutschen Literatur, eine Jüdin. Die Nazizeitschrift warf ihr vor, sie berichte ausschließlich über Juden und Emigranten und verschweige die Leistungen der nationalsozialistischen Revolution. Der Artikel kulminiert in der Forderung: "Wir rufen das befreundete, geistige Italien an, damit es endlich auch auf diesem doch nicht unwichtigen Gebiet für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt. Wir erlauben auch nicht den Todfeinden Italiens, bei uns über italienische Dichtung zu schreiben." War das der Beitrag eines einzelnen erregten Nazis? War der Artikel Teil der Auseinandersetzung zwischen Nazismus und Faschismus? Über Vorgeschichte oder gar Folgen der Attacke schweigen Ausstellung und Katalog sich aus. Die Faszination, die das faschistische Italien auf Teile der deutschen Intelligenz ausübte, wird in der Ausstellung kaum berührt. Sie ist naiv. Bis zur Komik. So steht neben einem Photo, das Männer in einer an Fellini erinnernden Szene beim Essen zeigt, "Die Internierten der Villa Oliveto in Civitella della Chiana (Provinz Arezzo) beim gemeinsamen Mittagessen".

Wer wird Mitleid empfinden mit Stefan Andres, den man auf einer guterhaltenen Schwarzweißaufnahme im Kreise seiner Lieben auf der Veranda seines Hauses mit Blick auf die Bucht von Positano frühstücken sieht? Ganz so lieblich, wie diese Bilder es uns glauben machen, war die Emigration auch in Italien nicht. Michael Fingesten zum Beispiel, Matrose und Schüler von Franz von Stuck, fand in Italien zwar Sammler, die seine Bilder kauften, aber 1940 wurde er wegen seiner jüdischen Herkunft verhaftet und interniert. Er erlebte noch die Befreiung aus dem Lager, aber im Oktober 1943 starb er an einer Infektion. Felix Nussbaum verließ das Land 1935 und zog nach Belgien. Am 20. Juni 1944 wurde er in Brüssel verhaftet und mit dem letzten Transport nach Auschwitz gebracht.

Zuflucht auf Widerruf - Deutsche Künstler und Wissenschaftler in Italien 1933-1945, Berlin, Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis zum 22. Oktober 1995, Montag 13-19 Uhr, Dienstag bis Sonntag 10-19 Uhr, Katalog 38 Mark.