Zadek und ich waren sehr neugierig aufeinander. Inzwischen gibt es eine Kette, ein Chaos von Mißverständnissen. Was im Grunde zwischen uns steht, ist Deutschland. Das für uns beide etwas ganz Verschiedenes bedeutet, in dem wir beide auf verschiedene Weise nicht zu Hause sind. Zadek identifiziert mich jetzt mit seinem Feindbild Deutschland . . . Wir haben uns den Film ("Das Wunder von Mailand") gemeinsam angeschaut, und Zadek hat mir von seinem Traum erzählt, das aufs Theater zu bringen. Ich hatte nicht das Herz oder die Galle, ihm Nein zu sagen, wir waren alle von seinem Engagement gerührt und haben erst viel später gemerkt, daß es nicht funktionieren kann. Man ist einfach höflich zueinander. Mit der Höflichkeit fängt das Verhängnis an . . . Ich denke, was Zadek in Castorf und Schleef sieht und durch diese beiden auch noch in mir, sind die Gespenster seiner Jugend. Schleef und Castorf machen doch ein Theater, das ihn an seine frühen Inszenierungen in Deutschland erinnern muß. Das erschreckt ihn. Es ist die Angst des alten Zadek vor dem jungen Zadek.

Heiner Müller im gerade erschienenen Jahrbuch 1995 der Zeitschrift "Theater heute"

Weltuntergang; eine Fortsetzung

Und sollte morgen die Welt untergehen, meinte der erschreckend optimistische Hofprediger D. Martinus Luther, er würde heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Seinen Nachfahren in der festen Burg Wittenberg gebricht's da schon an gärtnerischer Leidenschaft und Gottvertrauen, sie sind in Sorge um sich. Nun geht die Sorge zwar über manchen Fluß (cf. Hans Blumenberg), wie aber, wenn die Schleusen des Himmels sich öffnen und die Wasser rachsüchtig steigen ob der sündigen Menschheit? Die Welt, sie könnte ja wirklich tagundtäglich untergehen. Und so faßten die schlauen Wittenberger den gar kühnen Plan, sich für alle Fälle wie weiland Herr Noah eine Arche zu erbauen. Vor den Toren Wittenbergs entsteht deshalb in den Originalmaßen 12 x 13 x 130 m eine neue Arche. Der alte Schiffseigner war seinerzeit gehalten, Befehl von ganz oben, allerlei Kroppzeug mit an Bord zu nehmen, "von den Vogeln nach jrer art / von dem Vieh nach seiner art / vnd von allerley Gewürm auff erden nach seiner art". Die Wittenberger denken praktisch, sie lassen das Viechzeug gleich draußen und vor ihrem Schifflein in einem Naturpark grasen, ein jegliches nach seiner Art. Drinnen freilich richten sie sich ein Schiffskapellchen ein, ein Bibelmuseum dazu und ein anständiges Restaurant. Dann werden sie, wenn die erwähnten Schleusen des Himmels sich doch öffnen und die Wasser steigen sollten, die Türen verkleben und gen Westen treiben. Haltet ein! möchte man rufen, Brüder und Schwestern! Haltet ein! Was flieht ihr vor der Sintflut in die Traufe, wenn ihr zwar Pastor Friedrich Schorlemmer hinter euch laßt, dafür aber direkt auf Frau Pastorin Antje Vollmer zusegelt? Dann doch lieber ein Apfelbäumchen pflanzen.

Doppler

In der von unseren Kritikern bisher seltsam mißachteten Theaterspielzeit hat es eine von unseren Kritikern seltsam mißachtete Uraufführung in Oldenburg gegeben: "Solingen" von John von Düffel. Der Rheinische Merkur aber und die Frankfurter Rundschau haben nicht geschlafen und ihre Rezensenten ins Ostfriesische entsandt. Für die Rundschau blieb "die Sache . . . höchst harmlos - so sehr auch ein Milieu beschworen wird: Man glaubt dem Stück den Titel nicht." Die Regisseurin Sylvia Richter habe die Schauspieler "gut geführt und Pointen gesetzt, aber dabei wohl auch Solingen vergessen". Christlich milde dagegen der Merkur, der von der "Tiefenperspektive des scheinbar harmlosen Lustspiels" handelte und fand: "Sylvia Richters Inszenierung schafft es, . . . die Perspektive zum Titel deutlich zu machen, das Harmlose mit dem Schrecken zu verbinden." Der nörgelnde Kritiker der Rundschau hieß Werner Schulze-Reimpell, der lobende des Merkur Werner Schulze-Reimpell. Was würde zu diesem rätselhaften Vorgang der Meinungsspaltung bei gleichzeitiger Doppelnamens-Verdopplung der Verband der deutschen Kritiker sagen (Vorsitz: Werner Schulze-Reimpell)? Auf die Ungleichbehandlung des Stücks von John von Düffel hat uns brieflich John von Düffels Dramaturg John von Düffel aufmerksam gemacht. In unserer nächsten Ausgabe werden wir dem Fall ein Pro und Contra widmen. Unsere Autoren: Arno Widmann (pro) und Arno Widmann (contra).