Viel rhetorisches Feuerwerk wurde seinerzeit abgebrannt, als am 1. Januar 1993 die Bestimmungen zum Europäischen Binnenmarkt in Kraft traten: Alle Mitgliedsländer der Europäischen Union sollten zu einem großen Wirtschaftsraum zusammenschmelzen; alle Handelshindernisse würden verschwinden und Europas träge Ökonomien ordentlich durchgelüftet.

Ein Kernpunkt des Programms waren die öffentlichen Aufträge: Ausländische Anbieter waren von nun an den einheimischen Produzenten gleichzustellen. Mittlerweile liegen die ersten Untersuchungen zu den Resultaten des Programms vor. Ergebnis: Nach wie vor werden öffentliche Aufträge in schöner Regelmäßigkeit innerhalb der eigenen Landesgrenzen plaziert. Beim öffentlichen Wareneinkauf sanken die grenzüberschreitenden Bestellungen sogar.

Gerade die Deutschen haben "mit ihrer berühmten Gründlichkeit ausschließlich die nationale Industrie bedacht". Zu diesem Urteil kam der dänische Ökonom Poul Thöis Madsen, der zusammen mit der Consulting-Firma PLS Consult A/S und anderen Forschern die Praxis der öffentlichen Hände in Europa untersuchte. Thöis Madsen und seine Kollegen nahmen insbesondere die sogenannten Ausnahmesektoren unter die Lupe, also die Sparten Verkehr, Telekommunikation, Wasserversorgung sowie Wärme- und Stromerzeugung. Diese Branchen konnten bis zum Januar 1993 ganz legal von ausländischer Konkurrenz abgeschottet werden, doch seitdem müssen alle größeren Aufträge europaweit ausgeschrieben werden. In diesen Sparten vergaben die Deutschen 1993 genau 365 größere Aufträge. Davon ging kein einziger an ausländische Anbieter.

Allerdings zeigten in keinem EU-Land die öffentlichen Institutionen große Neigungen, Bestellungen ins Ausland zu schicken. Aber es gab Unterschiede. Holland ist vergleichsweise offen. "Selbst Frankreich, normalerweise für seine protektionistische Praxis berüchtigt, ist im Vergleich zu Deutschland das reinste liberale Paradies", formulierte der Ökonom Thöis Madsen. Die Franzosen vergaben von insgesamt 334 großen Aufträgen immerhin 17 über die Grenzen hinweg. Und die Dänischen Staatsbahnen bestellten zum Beispiel neue S-Bahn-Züge bei der Siemens-Tochter Linke-Hoffmann-Busch; die einheimische Zugfabrik ABB-Scandia im norddänischen Randers ging leer aus.

Möglicherweise wirkt vor allem Deutschlands dezentrale Struktur abschottend. Der öffentliche Einkauf wurde soweit wie möglich nach unten delegiert, so nahe wie möglich an die Stelle des Endverbrauches. Dieses Prinzip hört sich sehr vernünftig an, führte aber dazu, daß der Einkauf auf rund 20 000 Stellen zersplittert wurde. Und Einkäufer vor Ort stehen unter großem Druck, an die heimatliche Wirtschaft zu denken. Die deutschen Gesetze lassen es sogar ausdrücklich zu, Ausschreibungen als Instrument der lokalen Wirtschaftsförderung einzusetzen.

Großbritannien bietet demgegenüber ein interessantes Gegenbeispiel. Der öffentliche Einkauf ist dort auf 700 Stellen konzentriert. Nur 12 zentrale Institutionen sorgen für rund neunzig Prozent des staatlichen Einkaufs. Dank ihrer starken Stellung können sie, im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen, die Preise herunterdrücken, und wenn einheimische Produzenten zu teuer sind, dann geht der Auftrag eben ins Ausland. In manchen Institutionen wie der British Rail oder Her Majesty's Post Office verschicken die Einkäufer fast dreißig Prozent der Bestellungen über die Grenzen.

Ein System mit wenigen, aber dafür starken Einheiten ist übersichtlicher; die Anbieter können sich gezielt an die richtige Instanz wenden. Demgegenüber wirkt das deutsche System auf ausländische Exporteure wie ein Dschungel, überdies ist das deutsche Regelwerk sehr komplex und oft zeitraubend. Beispielsweise müssen mancherorts erst verschiedene Verwaltungsinstanzen zustimmen, bevor der Lieferant gewechselt werden darf.