Der Arzneiverordnungs-Report 95 wirft Ihnen mangelnde Innovationen vor. Zu Recht?

WENNINGER: Der Vorwurf trifft zu, wenn man Patente als Indikator für Innovation nimmt. Seit den siebziger Jahren ist unser Weltanteil in der Tat von siebzehn auf etwa acht Prozent zurückgegangen. Es trifft aber auch zu, daß Deutschland mit dreizehn Milliarden Mark Exportumsatz und einem Nettoexporterlös von sechs Milliarden immer noch Exportweltmeister für Arzneimittel ist, vor den USA und vor Japan. Das ist der Beweis für die Qualität deutscher Arzneimittel.

Das spricht für Erfolge mit Vorhandenem. In den vergangenen zehn Jahren gab es nur 196 patentierte Neuheiten; siebzig Prozent davon sind nur Varianten alter Produkte. Ist das nicht zu dünn?

WENNINGER: Von den zehn am meisten verschriebenen Arzneimitteln der Welt kommen zwei aus Deutschland. Deutschland hat hier einen Anteil von zwanzig Prozent. Exportweltmeister zu sein und zwei Mittel in der Hitliste zu haben, das schafft man nicht im Schlaf. Also sind die Lampen noch nicht ausgegangen. Aber richtig ist auch: Wir sind nicht mehr die Apotheke der Welt.

Sie werfen der Politik dirigistische Eingriffe vor - die Budgetierung der Arzneimittel wie die Festbeträge. Ist das nicht ein vorgeschobener Grund?

WENNINGER: Es spielt alles zusammen. Tatsache ist: Seit 1977 gab es acht Gesundheitsreformen, darunter sogenannte Jahrhundertreformen. Alle zwei Jahre eine Reform, das schafft keine kalkulierbaren Rahmenbedingungen. Man wirft uns auch vor, obwohl wir gut verdient hätten, sei aus unserer Forschung nicht viel Nennenswertes herausgekommen. Dabei wird übersehen: Nicht eine gute Ertragslage, sondern verläßliche Perspektiven sind die Grundlage für Investitionsentscheidungen. Wir investieren nur dann langfristig in risikoreiche Forschung, wenn wir realistische Aussichten für künftige Gewinne sehen.

Japan belohnt Innovation mit einem höheren Preis, ältere Produkte bekommen Preisabschläge. Bietet das mehr Anreiz?