Die Atmosphäre ist nicht ohne Charme: zum einen deutsche Gründlichkeit, zum anderen orientalische Gelassenheit. Man hat Zeit füreinander, das Gespräch zählt mehr als Geschäftigkeit. Die jetzt eröffnete König-Fahd-Akademie im gutbürgerlichen Bonner Stadtteil Mehlem erinnert äußerlich an eine Moschee. Im Innern fühlt man sich versetzt in eine architektonisch großzügig und ansprechend gestaltete Behörde, eine Komposition aus weitläufigen Fluren, modernster Technologie und sehr viel Licht: Die gläserne Kuppel der Akademie kann bei Bedarf durch elektronisch gesteuerte Zeltbahnen gegen zuviel Sonneneinfall geschützt werden. Eine beduinische Finesse gewissermaßen, umgesetzt von einem Bonner Architekten. 28 Millionen Mark hat sich der saudische König Fahd die nach ihm benannte Akademie kosten lassen - die dritte Lehrstätte nach London und Washington, die er aus seiner Privatschatulle finanziert.

"Wir verstehen uns als kulturelle Institution", erklärt Aisha Husseini, die Direktorin der Akademie. "Unsere Arbeit ruht auf zwei Säulen. Da ist zum einen der Schulunterricht. Arabische Kinder können bei uns nach saudischen Lehrplänen das saudische Abitur machen. Auch andere Kinder natürlich, sofern sie Arabisch sprechen, denn die Sprache der Akademie ist Arabisch." Deutsch wird als erste Fremdsprache unterrichtet, vom ersten Schuljahr an. In der vierten Klasse beginnen die Kinder, Englisch zu lernen. Religion werde als ganz normales Unterrichtsfach gelehrt, ohne politische Untertöne, betont Aisha Husseini.

"Die zweite Säule ist die eigentliche Akademie-Tätigkeit: Konferenzen und wissenschaftliche Tagungen, Ausstellungen, Vorträge, Diskussionsabende und Sprachkurse, die helfen sollen, das Bild des Islam in der westlichen Öffentlichkeit zu korrigieren." Das Islam-Verständnis der saudischen Führung ist bekanntlich sehr konservativ. Ist daraus zu schließen, daß kritische und säkular gesinnte arabische Intellektuelle keine Chance haben werden, in der Akademie aufzutreten? "Es ist zu früh, jetzt schon über Namen oder Inhalte von Vortragsabenden zu reden", meint die Direktorin. "Wir haben gerade unsere Arbeit aufgenommen und beginnen jetzt erst, uns Gedanken zu machen über konkrete Inhalte. Wir akzeptieren jeden Standpunkt, sofern er nicht für Gewalt wirbt."

Aisha Husseini hat in Los Angeles Erziehungswissenschaften und Management studiert, bevor sie in Kairo promovierte. Die ebenso resolute wie selbstbewußte Frau stammt offenbar aus einer sehr aufgeschlossenen Familie. In einem Land, in dem Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen, ist ihre Karriere sehr ungewöhnlich. Sie kommt aus Dschidda und kennt beide Welten, Orient und Okzident. In Bonn lebt sie erst seit einigen Wochen, es ist ihr erster Aufenthalt in Deutschland. Ein Kopftuch trägt sie im allgemeinen nicht - es sei denn, das saudische Fernsehen filmt vor Ort wie bei der Eröffnung.

Fünfhundert Schüler und Schülerinnen zählt die Akademie, die gemeinsam unterrichtet werden. Nur die Lehrerzimmer sind nach Geschlechtern getrennt. Die Schüler wurden übernommen von einer bislang von Kuwait finanzierten arabischen Schule in Bonn, die ihren Betrieb jetzt einstellte. Diplomatenkinder überwiegen, aber das soll nicht so bleiben. Nur zehn Prozent der Schüler sind Saudis. Die Kapazität ist ausgerichtet auf siebenhundert Schüler, die von vierzig Lehrern unterrichtet werden, überwiegend Ägypter. Wie Mohammed Marzuq aus Kairo, der mit einer Deutschen verheiratet ist und als Dozent an der Universität in Kairo lehrte, nun aber, seiner Frau zuliebe, nach Bonn wechselt und Mathematik unterrichtet.

Die Schüler und Schülerinnen kleiden sich in eine legere Schuluniform: ein dunkelgrüner Pullover, der Farbe des Propheten nachempfunden. Einige Mädchen tragen Kopftuch, Pflicht ist es nicht. Was bewegt die Eltern, ihre Kinder auf die König-Fahd-Akademie zu schicken?

Ein syrischer Kurde sieht die Sache sehr pragmatisch. "Ich lebe seit über zehn Jahren in Deutschland und möchte hier bleiben. Ich habe jetzt auch meine Kinder nach Bonn geholt - was hätten sie für eine Zukunft in Syrien. Die beiden sollen ein Jahr hier auf die Schule gehen und in vertrauter Umgebung Deutsch lernen, danach schicke ich sie auf eine deutsche Schule." Eine Ägypterin, die gerade ihre beiden Töchter angemeldet hat, sorgt sich vor allem um die Moral: "Mein Mann ist Ingenieur, wir werden einige Jahre in Deutschland bleiben. Ich möchte nicht, daß meine Töchter ihre traditionellen Werte vergessen. Ich habe Angst, daß sie sich Freunde nehmen, anstatt zu warten bis zur Heirat."