Trauer muß Medea tragen. Ach, Medea! Du reitest nicht mehr auf feurigem Drachen durch die Lüfte, du schmiegst dich bescheiden in weißem Ophelia-Nachthemd, mit zager Gretchengebärde, an diese Woge, die da schräg durch das gewagte Bühnenbild von Hartmut Meyer schwappt. Sie scheint im freien Fluß erstarrt, im Blutfluß gewissermaßen, denn um Menstruationsblut handelt es sich zweifellos, immerhin ist diese Welle lilalatzhosenfarben und übriggeblieben aus dem ersten Bild der Oper, als ihr Frauen noch froh jauchzend bei matriarchalischen Riten rund um die bleiche Mondscheibe tanztet und, zum Zwecke der Kastration die zierlichen Steinäxte schwingend, einen leichtgeschürzten Jüngling jagtet. Da, ganz zu Anfang, wähnte man sich noch glücklich gelandet in einer heiter-eleganten Buffa. Doch o Bier! O Ernst! Allerunglücklichste Medea!

In dieser durchaus seria und gut gemeinten Oper, uraufgeführt am Sonntag in Hamburg, hat man die männer- und kindermordende Medea zu einem braven Puttel gemacht, zu einem netten, adretten Dritte-Welt-Symbol. Lieblich gingangt der Gamelan-Gambang, gongen die Dingdongs vom Bremer Ensemble "arum sih", was soviel heißt wie: "Aroma der Liebe". Die Bremer wurden eigens nach Hamburg geladen, um mitzuwirken beim opus summum des großen Opernpracticus Rolf Liebermann: "Freispruch für Medea". Inszeniert von Ruth Berghaus, dirigiert von Gerd Albrecht, komponiert nach einem Libretto von Ursula Haas, die sich wiederum auf den gleichnamigen Roman aus eigner Feder stützt, erschienen Mitte der achtziger Jahre, als frau noch "Häutungen" las und junge Komponistinnen ihren Regelzyklus in Töne zu setzen pflegten. Nun also: Liebermann. Er kennt sein Handwerk und weiß im Orchester herrliche Klangwirkungen zu entfesseln. Sein Personalstil, merkwürdig gleichgeblieben ein Menschenalter lang, versöhnte Schönberg mit Strawinsky und ist in jeder Hinsicht virtuos routiniert. Einen "Atonal-Puccini" hat man ihn einmal genannt, das stimmt immer noch. Bloß ist seine Medea weder Mimi noch Penelope oder Leonore. Sie ist rein Weib, kreatürlich natürlich, ist Opfer und Unschuld, Schoß, Erde, Acker, Pudding, Ach und Weh.

"Trauer verschließt meinen Mund", singt Medea, an die Woge gelehnt, die klassische Klage-Sekunde weich verschleifend. Medea ist Françoise Pollet. Sie bringt eine Tugend mit, die bei hochdramatischen Mezzosopranen selten ist: Sie singt verständlich. Sie verknödelt und verkreischt nichts. Ihre Stimme ist in allen Registern gleich stark und schön timbriert. Pollet ist der wahre Triumph des Abends. Die Partie freilich, die sie singt, ist jammervoll.