Joseph Fischer gilt als Vordenker der Bündnisgrünen. Die jüngste Erkenntnis des Fraktionssprechers: Seine Partei kommt nicht länger ohne eine glaubwürdige Wirtschafts- und Finanzpolitik aus. Diese Einsicht hat er in einer sechsseitigen Analyse ausgebreitet: Von "umwälzenden Anpassungsprozessen" ist die Rede, ausgelöst von der "Strukturkrise der Globalisierung", welche eine "epochale Veränderung" sowie eine "strukturelle Erschütterung" zur Folge habe, die wiederum zu einer "grundsätzlichen Weichenstellung" zwinge. Fazit: Was verteilt werden soll, muß "überhaupt erst wirtschaftlich erarbeitet werden". So weit, so trivial.

Fischers Denkstück hat dennoch ein beträchtliches Medienecho gefunden. Was sich nur damit erklären läßt, daß mittlerweile jede Äußerung des großen Vorsitzenden wie eine tiefe Erkenntnis aufgenommen wird: Das Orakel von Bonn schlägt alle in seinen Bann.

Falsch wäre es allerdings auch, den wirtschaftspolitischen Suchprozeß der Bündnisgrünen als eine rein parteiinterne Angelegenheit zu werten. Die grüne Formation ist nun einmal zur drittstärksten politischen Kraft geworden. Sie will nicht länger in der rotgrünen Ecke auf bessere Zeiten hoffen, sondern nach allen Seiten koalitionsfähig werden. Ein Stück weit beeinflussen ihre Orientierungen die wirtschaftspolitische Debatte, die in allen Parteien mehr oder weniger intensiv geführt wird.

Doch während in CDU, FDP und vor allem SPD darüber gestritten wird, inwieweit eine zeitgemäße Wirtschaftspolitik Korrekturen am programmatischen Bestand erforderlich macht, verfügen die Bündnisgrünen noch nicht über einen eigenen Fundus. An früheren programmatischen Aussagen wollen die Grünen nicht mehr gemessen werden. Selbst der wirtschaftspolitische Teil des Bundestagswahlprogramms gilt bereits als völlig überholt - zumindest in der Fraktion, und die bestimmt mangels anderer Äußerungen gegenwärtig die Identität der grünen Partei.

Selbstkritisch räumen die Wirtschafts- und Finanzpolitiker ein, daß sie in Kernfragen wie Produktion, Haushalt, Geld und Währung sowie Konjunktur nicht als kompetent gelten und sich dies bis zur nächsten Bundestagswahl nur schwer ändern lassen wird. Sie wollen sich deshalb auf einige Schwerpunkte konzentrieren: Wettbewerbs- und Mittelstandspolitik, sozial orientierte Steuerreform, nachhaltiges Wirtschaften, ökologische Technikentwicklung, regionale Strukturpolitik, Reform der öffentlichen Verwaltung und Finanzen, europäische Einigung, gerechte Weltwirtschaftsordnung.

Das ist schon ein recht umfangreicher Katalog, der bislang aber nur aus Überschriften besteht. Ob er mit Inhalten gefüllt werden kann und in welche Richtung sie dann gehen, ist noch offen. Viel Zeit bleibt den Grünen nicht. Denn Joseph Fischer verlangt, daß sie in harten Fragen wie der Standortdiskussion so schnell wie möglich Profil zeigen sollen. Ohnedies zwingt die Tagespolitik dazu: Von der Debatte um den Ladenschluß über die Steuerpolitik bis zur Europäischen Währungsunion reichen die Themen, zu denen die Bündnisgrünen jetzt Stellung nehmen müssen.

Sich auf einzelne programmatische Elemente zu stützen, die man mittlerweile erarbeitet hat, wäre eine denkbare Alternative. Da bieten sich eigene Konzepte zur Einkommen- und Ökosteuer, zur Straffung der öffentlichen Verwaltung, zur Sozialpolitik und zur Mittelstandsförderung an. Doch auch diese Minimaltaktik will nicht so recht gelingen: Da haben die Grünen mit viel Mühe einen detaillierten Vorschlag für die Ökosteuer erarbeitet - mit ebensoviel Mühe versuchen sie nun aber, die dabei ins Auge gefaßten Finanzvolumina zu korrigieren. Die Vorstellung, in zehn Jahren könnte rund ein Drittel der gesamten Staatseinnahmen aus einer völlig neuen Steuerquelle gespeist werden, erscheint der Fraktionsführung schon als unrealistisch.