Madrid

Den Spaniern wird gegenwärtig Tag für Tag ein echter Politkrimi geboten, eine Räuberpistole um Millionen, Mord und die Macht im Staate. Dunkler Held ist ein mit Glanzgel frisierter Exbankier, der sich demnächst wegen Millionenunterschlagung und Bankrotts vor Gericht verantworten muß. Mario Conde heißt der Mann, ist 47 Jahre alt, Jaguar-Fahrer und in der Regel von sechs Leibwächtern umgeben. Bis zu seiner Entmachtung durch die spanische Zentralbank im Dezember 1993 galt Conde als erfolgreiche iberische Kopie des Italo-Magnaten Silvio Berlusconi.

Jetzt muß er sich gegen einen Untersuchungsrichter wehren, der ihn für sechs bis zwölf Jahre einsperren will. Was tun? Die Beschattung des Anklägers wirft leider nichts für eine Erpressung ab. Also kauft Conde Dossiers aus den Archiven des spanischen Geheimdienstes CESID. Nun braucht er nur noch Politiker und Ministerialbeamte, die sich ebenso leicht einkaufen lassen.

Von dieser Sorte gibt es in Madrid offenbar genug. Conde schmiedet sein Eisen, indem er das heißeste Feuer schürt: den Caso GAL, den Fall der "Antiterroristischen Befreiungsgruppen". Diese Todesschwadronen ermordeten zwischen 1983 und 1987 mindestens 28 vermeintliche Mitglieder der baskischen ETA; daß damals die Guardia Civil und der CESID Schützenhilfe leisteten, ist bekannt, aber nicht bewiesen. Einen der inhaftierten Staatsschützer lernt der vorübergehend einsitzende Finanzjongleur Conde beim Hofgang im Knast kennen; von ihm erwirbt er 3000 Dokumente und 1200 Mikrofiches, die der ehemalige CESID-Oberst Juan Alberto Perote offenbar bei seiner Entlassung gestohlen hat. Conde stellt dem Terrorbeamten die Dienste seines Anwalts zur Verfügung. In den folgenden Wochen tauchen in der regierungsfeindlichen Tageszeitung El Mundo Enthüllungen über die GAL-Affäre auf. Der große Unbekannte, der ominöse Senor X an der Spitze der Todesschwadron, wird dort angedeutet, sei kein geringerer als Ministerpräsident Felipe Gonzßlez.

Die regierenden Sozialisten befällt Panik. Der ehemalige Innenminister trifft sich mit Conde, dient ihm einen "Nichtangriffspakt" an. Vergeblich, Conde will mehr: die Ablösung seines Untersuchungsrichters, eine Ehrenerklärung und etwa 170 Millionen Mark "Schmerzensgeld". Condes Anwalt läßt Kostproben aus den Dossiers kursieren, Gonzßlez' Amtsvorgänger Adolfo Sußrez darf in die Abgründe der geraubten Akten blicken: Geheime Natopapiere, illegal abgehörte Telephongespräche, Namenslisten von Spionen in Nahost, Nordafrika und Osteuropa, Details über den "schmutzigen Krieg" gegen den ETA-Terror. Auf Sußrez' Rat gewährt Felipe Gonzßlez Condes Anwalt eine Audienz: Immerhin lehnt der Ministerpräsident Zugeständnisse ab. Als die Angelegenheit öffentlich wird, müht er sich vergeblich, die Folgen des Besuchs herunterzuspielen: Zwar sei "gegen die Regierung" konspiriert worden, aber eine "Nötigung des Staates" habe nicht stattgefunden.

Regierungsgegner erklären die Zurückhaltung des Regierungschefs mit Angst: Neue Enthüllungen in El Mundo schüren den Verdacht, höchste Machtzirkel hätten in den achtziger Jahren von Morden und Entführungen, Genickschüssen und verwischten Spuren im Kampf gegen die ETA gewußt. Der Thriller von Madrid läuft weiter; fast täglich tauchen neue Dokumente aus der Kloake auf. Die sind Pflichtlektüre für einen Untersuchungsrichter am Obersten Gerichtshof, der ermitteln soll, ob Gonzßlez, zwei ehemalige Minister und ein hoher Parteifunktionär "Staatsterroristen" waren.

Bis März müssen die Spanier noch zuschauen. Dann werden sie, das verheißen alle Umfragen, bei den angekündigten Neuwahlen das Drama der Sozialisten ausblenden.