Als Beifall und Wonne-Kreischen nicht enden wollen, als das Getrampel tausend seliger Zuschauer das Deutsche Theater in der Münchner Schwanthalerstraße in Einsturzgefahr bringt, legt die ausgelassenste Tänzerin ihren Strauß, dessen Rosen sie zur Hälfte längst in den Saal geworfen hat, an die Rampe, dreht sich um, läßt sich nach hinten fallen, wobei ihr auch jetzt der kleine Sonnenhut nicht vom Kopf fällt, macht eine "Brücke", so daß sie mit nach oben gekehrtem Kopf dem tobenden Pubikum i ns Gesicht schaut.

Dies ist das Signal. Wer sich nicht längst erhoben hat, steht jetzt auf. Schon hat der fröhliche Lärm eines heiligen Gospel-Lieds von Tod und Erlösung wieder begonnen. Schon werfen die Mädchen in den langen gelben Sonntagskleidern des sonntäglichen Kirchgangs die Beine, schon fliegen die Männer mit bloßem Oberkörper durch die Luft. Der Kehraus des traurig wilden Balletts "Revelations", auf alte Sklavenlieder aus den Südstaaten der USA, wird wiederholt. "Rocka My Soul in the Bosom of Abraham" dröhnt der Tanz-Choral aus den Lautsprechern. Wiege, schaukle meine Seele in Abrahams Schoß: Wann, wenn nicht jetzt, dürften wir den Anfangsvers des Spirituals nicht auch so übersetzen: Rock meine Seele ins Paradies.

Gerockt, gesungen und getanzt hat sich da das 31köpfige Ensemble der Alvin Ailey Dance Company aus New York längst ins Herz der Zuschauer in München, wo die acht Wochen dauernde Europa-Tournee einer der bekanntesten Tanztruppen Amerikas begonnen hat. Während danach eine neue Applauswoge durch das Theater brandet, schauen wir noch einmal ins Programm. Ja, da steht es, schwarz auf weiß: "Musik: Traditional", was soviel heißt wie Volkslieder, Folklore, Heimatmusik. Unbezweifelbar auch das Datum der Uraufführung: "1960" und der Choreograph: Alvin Ailey.

Was bringt eine Generation später Leute dazu, dieses Ballett wie eine Offenbarung zu feiern? Sind wir durch die kühl perfektionistischen, oft abstrakten Tanzschöpfungen der letzten Jahre mit ihren akrobatischen Einlagen von Sprüngen, Stürzen, Flug- und Roll-Bewegungen so ermüdet, ernüchtert, daß uns weite Sprünge, Pirouetten und Kreiselgesten des ganzen Körpers, wenn sie einmal nicht nur Krafttraining und Körperbeherrschung vorführen, sondern Ausdruck sind von Lebensfreude, Verliebtsein, Eifersucht oder Verzweiflung wie neu in die Augen und zu Herzen gehen?

Die Gruppe aus der Neuen Welt entführt uns in ein Tanzmuseum - niemand der Gruppe 1995 war bei der Premiere vor 35 Jahren dabei: Und ein Publikum, das doch durch die Tanz-Musicals landauf, landab verwöhnt sein müßte, gerät aus dem Häuschen. Ist es nur die seltsame, bei uns unbekannte Michung von glaubensseligen Texten der Spirituals, schwermütiger Musik des "Holy Blues" und Rhythmen ungestümer Lebenslust?

Oder ist es die "Menschlichkeit", die der Choreograph Alvin Ailey seinen Tänzern bewahren wollte, nach allem Drill, hinter aller Technik? Als er sich der Eigenart seiner Kunst bewußt werden wollte, hat Alvin Ailey auf George Balanchine geschaut. Der 1931 als dunkelhäutiger Amerikaner auf dem Land in Texas Geborene, der sein Ensemble zuerst nur schwarzen Tänzern öffnete, vergleicht sich in seiner Biographie mit dem Großmeister des (weißen) New York City Ballet: "Balanchine mochte lange Beine, Füße mit hohem Spann, einen kurzen Rumpf, einen kleinen Kopf (Erdnußkopf, wie wir sagen) und einen langen Hals. Doch wo bleiben da unsere schwarzen Mädchen, deren Füße nicht immer einen so hohen Rist haben, deren Rumpf nicht so kurz ist? Auch mich faszinieren langbeinige Tänzerinnen mit langen Armen und kleinem Kopf, aber ich mag auch kleine, kurzgewachsene, dicke ("fat") Mädchen, die sich rasch drehen können. Die meisten Choreographien kleben an der Musik; Tänzer aber, das empfinde ich ganz stark, müssen mehr sein als die Summe der Musik; es muß Leidenschaft dabei sein, und die Tänzer müssen diese Leidenschaft tanzen. Balanchine wollte, daß seine Tänzer auf ihren Gesichtern nichts zeigen, sondern selber Musik wurden. Ich bin da anderer Ansicht; ich meine, das entmenscht die Tänzer. Ich liebe Persönlichkeiten auf der Bühne; Balanchine wollte Instrumente."

Das ist nicht nur zu lesen, das ist auch zu sehen, noch immer, auch sechs Jahre nach Aileys frühem Tod. Nicht, daß die Tänzerinnen und Tänzer lächeln oder lachen, flirten, wenn es ein Werbetanz verlangt, oder sich traurig, enttäuscht von einem Partner abwenden. Die "Menschlichkeit", von der Alvin Ailey träumt ("Die Leidenschaft eines Tänzers muß aus ihm leuchten"), prägt jede Gebärde, die ganze Haltung.