Über vierzig Jahre lang hat dieser Mann eine der bedeutendsten und zugleich der erfolgreichsten privaten Schauspielbühnen Deutschlands geleitet, über drei Viertel dieser Zeit in dem Vorkriegs-Kino an der Hamburger Mundsburg, das eigentlich zu einem Supermarkt umgebaut werden sollte. Schon ein Jahr nach dem Umzug des "Jungen Theaters" in das Kino kam der große Durchbruch mit "Marat/Sade" von Peter Weiss und mit Ernst Deutsch als Lessings "Nathan". Später wurde das Junge Theater umbenannt in "Ernst-Deutsch-Theater", eine Geste der Verehrung für einen großen Schauspieler.

Wen haben wir seither nicht alles auf der Bühne von Schütters Ernst-Deutsch-Theater erlebt: Maria Becker, Elisabeth Flickenschildt, Ursula Herking, Inge Meysel, Susanne Uhlen, Antje Weisgerber, Volker Lechtenbrink, Richard Münch, Jörg Pleva, Heinz Reincke und viele, viele andere, dazu Schütter selbst und seinen lebenslangen Kollegen Wolfgang Borchert. Große Regisseure haben wir hier auch erlebt, von Karl Paryla bis zu Ulrich Erfurth. Viele Gründe zur Dankbarkeit!

Fiete, wie er für viele seiner fast 20 000 Abonnenten kurz und ohne Familiennamen geheißen hat, ist ein politischer Theatermensch gewesen. Nicht nur Vergnügen und Unterhaltung wollte er mit seinen Stücken bieten, sondern durchaus auch Erschütterung. Vor allem wollte er sein Publikum zum Nachdenken anstoßen. Er wollte sein Publikum auf jene Mißstände in Gesellschaft und Staat und zwischen den Menschen hinweisen, die änderbar und verbesserungsfähig sind. Er war ein Demokrat, der andere Demokraten auf Trab bringen wollte. Dies war der tiefere Sinn seiner Aufführungen von Brecht, von Hochhuth, Peter Weiss und Arthur Miller, aber auch von Kleist und Lessing. Das Theater war ihm ganz selbstverständlich "moralische Anstalt".

Die große Leistung dieses dienstältesten deutschen Schauspielintendanten lag darin, daß er mit seinem politischen Lied keineswegs sein Publikum vergrault hat - im Gegenteil, sein Hamburger Publikum hat ihm die Treue gehalten wie er selbst auch seinem Publikum. Natürlich mußte auch Fiete Schütters Kunst nach Brot gehen. Deshalb gab es zwischendurch auch leichtere Kost, "My Fair Lady" zum Beispiel oder die "Spanische Fliege".

Der Zuschuß von seiten des hamburgischen Staatshaushaltes war immer sehr klein, weniger als ein Fünftel des Etats des Ernst-Deutsch-Theaters. Deshalb konnten sich die Kompagnons Schütter und Borchert auch niemals leisten, vor leerem Theater modern sein wollende Experimente aufzuführen. Vielmehr machten sie immer Theater für ihr Publikum. Manchmal gingen sie um der Finanzierung willen auf Tournee; manchmal haben auch Freunde ein wenig geholfen. Zu einem dauerhaften Ensemble hat es nie gereicht, aber daß dieses anspruchsvolle Privattheater vier Jahrzehnte lang seine finanzielle Balance gehalten hat, das ist allein schon eine große Leistung.

Als Fiete einmal in einem Interview gesagt hatte, er zöge dem Fernsehen immer das Theater vor, da habe ich ihm aus ganzem Herzen zugestimmt. Denn was soll man viel von den 25 Fernsehkanälen halten, die uns Schießereien, wüste Autoverfolgungsjagden, Totschlag, Vergewaltigung und alle denkbaren Gewalttaten en masse anbieten - und immer wieder die uralten Western, auch nur Schießereien und primitive "Gut-und-Böse"-Gegenüberstellungen?

Wenn ich nur Zeit dafür hätte, so ginge ich statt dessen jeden Abend in ein anderes Hamburger Theater. Auf mehr als dreißig Bühnen wird in dieser Stadt jeden Abend gespielt, vom hochsubventionierten staatlichen Schauspielhaus bis zu den Musicals, dazu das niederdeutsche Ohnsorg-Theater, die Komödie im Winterhuder Fährhaus, das Theater im Zimmer - und eben Fiete Schütters Ernst-Deutsch-Theater mit sieben Premieren im Jahr. Welch ein Reichtum!