So wütend wie in den letzten Wochen, dabei hier und da auch zu injuriösen Bemerkungen aufgelegt, war Henning Voscherau, der Erste Bürgermeister von Hamburg, schon lange nicht. Es haben ihn die Kritiker erregt, die ihm einen von ihm anderthalb Jahre lang an der Öffentlichkeit vorbei verfolgten Coup zu verderben drohten. Das waren der Bund Deutscher Architekten, das von der Architektenkammer herausgegebene Hamburger Architektur-Jahrbuch, schließlich die Kollegen von der Hamburg-Redaktion der taz in Hamburg, die lauthals den Verzicht auf Baukunst beklagten, den Vorgang rügten, insofern die Unmoral des öffentlichen (Mit-)Bauherrn, der sich einem privaten Bauherrn unterwirft.

Gegenstand des Eifers ist ein Sechzig-Millionen-Mark-Geschenk, das ein durch Bauen reich gewordener Investor der Stadt zum 75jährigen Bestehen der vernachlässigten Universität angetragen hat. Nur unterschied sich der mäzenatische Akt prinzipiell von Schenkungen üblicher Art. Denn der Kaufmann Helmut Greve und seine Frau Hannelore wollten der Stadt nicht einfach das viele Geld überlassen, um die außerordentliche Raumnot der Universität zu lindern, sondern ein im eigenen Baubüro unter Anleitung des Stifters selber entworfenes Gebäude. "Es findet sich", wie der Hamburger Oberbaudirektor Egbert Kossak im Oktoberheft des Baumeisters resümieren wird, "ein reicher Stifter, der sich auch als Architekt und als Bauherr versteht, und der mit dem Bürgermeister vereinbart, ein Haus zu schenken . . ., ein fertiges Haus. Dieses Angebot hat die Politik angenommen."

Alle Versuche, in dem sehr generösen Mann den Ehrgeiz zu wecken, die beste mögliche Architektur für diese wichtige Institution an einem so bedeutsamen Ort der Stadt in einem Wettbewerb zu suchen, gingen ins Leere: Kein Wettbewerb, das machen wir alleine; Architekten wollen sich doch nur eine goldene Nase damit verdienen. So etwa, frei übersetzt, lautet die Ansicht des Großbauherrn. Der Bürgermeister also, den Sechzig-Millionen-Bau so handgreiflich vor Augen, verbeugte sich tief, unternahm sodann alle Anstrengungen, das sonderbare Projekt im stillen zu verfolgen, und beauftragte seinen Oberbaudirektor, das Schlimmste zu verhüten und den Entwurf zu verbessern oder, wie Egbert Kossak sagt, "einen Bau mit einem vernünftigen Erscheinungsbild produzieren zu lassen".

Was ihn vernünftig deucht, wurde nun, nach anderthalbjähriger Geheimniskrämerei, der auch alle Anregungen, Fragen, Bedenken, Briefe an den Bauherrn zum Opfer fielen, zuerst dem Senat, danach den Journalisten vorgeführt. Das Ergebnis beweist die Gleichgültigkeit Hamburgs: Man ist an Baukunst nicht interessiert, wenn man ein so großes Geschenk damit riskiert.

Das ist deprimierend deswegen, weil es sich ja beileibe nicht um irgendeinen Privatbau, sondern um zwei große Flügelbauten mit je 5000 Quadratmeter Nutzfläche handelt, die dem ältesten, heute noch das Bild der Universität prägenden Kuppelbau von 1911 beigefügt werden sollen. Dieses eindrucksvolle Gebäude hatte doch auch einen Stifter, den Kaufmann Edmund Siemers; der hatte ihn nach einem Wettbewerbsentwurf der Architekten Distel und Grubitz von 1908 als allgemeines Vorlesungsgebäude errichten lassen, acht Jahre vor der Gründung der Universität! Keiner ihrer Neubauten erreichte je seine stadtbildprägende Signifikanz. Und also handelt es sich auch nicht um einen x-beliebigen, sondern einen sehr prominenten öffentlichen Bauplatz im Bildungszentrum der Stadt, schräg gegenüber dem schönen, mit großem Aufwand restaurierten Jugendstilbahnhof Dammtor.

Der erste Entwurf, den Helmut Greve dem Bürgermeister Voscherau überreicht hatte, durfte zum Universitätsjubiläum in einer verschönernden Buntstiftzeichnung des Oberbaudirektors veröffentlicht werden. Er war vollständig fiktiv. Denn der Bürgermeister hatte Vertraulichkeit angeordnet und dem Architekten Folker Schneehage im Greveschen Baubüro untersagen lassen, sich bei den künftigen Nutzern zu erkundigen, wieviel Platz, welche Art von Räumen sie brauchen, wie sich ihr Lehr- und Lernbetrieb abspielen werde, welche Wünsche sie haben. Unglücklicherweise glaubte, wie es hieß, der Stifter Greve selber am besten zu wissen, wie ein Universitätsbau auszusehen habe. Und so suchten die Kunsthistoriker im ersten Grundrißvorschlag vergebens nach ihrer Bibliothek, weil der Bauherr behauptete, sie erübrige sich demnächst sowieso im elektronischen Zukunftsbetrieb der Wissenschaft, hingegen sei ein großes gläsernes Kommunikationsfoyer vonnöten.

Alles das nachzuholen und mit dem Greveschen Baubüro zu verhandeln oblag dem Oberbaudirektor. Auf die Vorstellungen der drei Fachbereiche - Jura II, Orientalistik und Kunstgeschichte - mußte er ein Dreivierteljahr warten; die Leidenschaft war offenbar nicht groß, und außerdem blieben viele Wünsche ungesagt, um ja den Stifter nicht zu verärgern, man hatte sich einen Maulkorb aufgesetzt. Und so zerstob zum Beispiel der Traum vieler Kunsthistoriker von einer großen fließenden Freihand- und Arbeitsbibliothek im Erdgeschoß. Und so bekamen die drei Fachbereiche im einen wie im anderen Flügelbau ein üppiges, bis ans Glasdach reichendes Hotelfoyer mit einer prächtigen Freitreppe. In den oberen Stockwerken der Seitenflügel, links und rechts stur an langen Korridoren entlanggereiht, befinden sich die Einzelzimmer, in den Risaliten Seminarräume und ganz oben je ein Mehrzweckhörsaal.